Rückblende 2010

Photobucketwischen Urin und Unrat wird der Mensch geboren. Auf dieses Zitat stieß ich die letzten Tage, als ich wieder einmal im Fundus lateinischer Weisheiten ein paar besinnliche Viertelstunden suchte. »Inter urinas et faeces homo nascitur« Ein Satz, der mit seiner fast schon bösartig-analytischen Schonungslosigkeit auch von Gottfried Benn hätte sein können. Ein Satz, dem man nur einen weiteren hinzuzufügen braucht, um die Gestalt des Lebenskreislaufes auf den Punkt zu bringen: »Und zwischen Urin und Unrat wird er sterben«

Dazwischen aber lebt er froh und heiter weiter. So wie am gestrigen Tage. Auch wenn es mich als ligyrophobisch veranlagten Menschen freut, das hier zugegen mit allmählich vernünftigen Budgets hantiert wird. Vielleicht werden die Jahre immer mieser, sodass das gemeine Volk mehr Trost im ruhenden Alkohol findet, als Freude im explodierenden Magnesium empfindet. Vielleicht wird es sich auch irgendwo im Stadtkern zusammengerottet, um der Gemeinschaft zu huldigen. Interessiert mich nicht. Denn so oder so wurde das Trommelfeuer der brachialen Heiterkeit über die Jahre zerrissener. Rechnet man diesen Silvesterwerteverfall hoch, so blüht die Hoffnung auf, dass es 2030 völlig erstickt sein wird. Wenn ich bedenke wieviel Müll der Regen noch in den 90´er Jahren hinfortspülen musste. So werde ich wohl heute die Böllerwerkreste kaum vom normalen Straßenmüll unterscheiden können.
Soll mir recht sein. Denn dieser Tag wurde in die Kategorie der Bedeutungslosigkeit verbannt. Wie viele andere Feiertage auch. Nur mit dem Beigeschmack, dass man hierbei eine globale Norm bricht, die zur Rechtfertigung zwingt. Was ist mit Fronleichnam, Buß- und Bettag? Da wissen viele nicht einmal was das ist. Ebenso nüchtern fällt der Drang zur Verblüffung aus, wenn jemanden gesteht, dass ihm der dabei mitlaufende Trubel völlig am Hinterteil vorbei geht. Aber Silvester…egal. Es ist 6:27 Uhr und ich genieße die lang anhaltende Ruhe des heutigen Tages. Zudem nutze ich die Stunde, um mich doch etwas mit der Tradition zu versöhnen und das letzte Jahr zu resümieren.

1. Was hast du 2010 zum ersten Mal getan?

2010 war ein Jahr der Unterschiede und Gleichheiten. Seit langem mal wieder ein Jahr der Extreme. Ich gewann und verlor, kämpfte und kapitulierte. Motivierte und resignierte. Trennte mich von Gewohnheiten und nahm dafür andere Eigenarten an. Doch alles vermengt sich nun in dem Brei der Zeit. Und im Grunde kann ich keine nennenswerte Neuerung daraus ziehen, die mir nicht schon in irgendeiner Ähnlichkeit widerfuhr. Wobei. Es tat sich etwas in schriftlicher Form. Dieser Blog entstand. Erstmals im Leben schreibe ich an das Unbekannte. Zwar tippe ich weiterhin für mich. Doch der Gedanke, dass auch ein anderer über diese Worte stolpert, blitzt ab und zu auf. Zudem spielte ich 2010 erstmals selbst mit Stöckchen.
2010 verteilte ich ebenso erstmalig Leseproben. Mal in papierener Form und mal digital. Worüber ich auch dankbar bin. Sind doch bei letzteren die Kosten minimal und der Leseaufwand selbstloser. Doch dieses war eine Neuerung, die ich wieder einzustellen gedenke. Die Resonanz zeigte, dass das Interesse der Leserschaft zu flüchtig ist, als das es nützt.

2. Was hast du 2010 nach vielen Jahren wieder getan?

Ein Sakko gekauft.
Ein allzu kurzes Intermezzo als Lagerarbeiter gehabt.
Mich nutzlos gefühlt.
Einen guten Trainingsplan erstellt.
Säfte der Blutbahn gespendet.

3. Was hast du 2010 nicht getan?

Anhaltende eigene Zufriedenheit erfahren.
Ausgeschlafen.
Ein neues Mobiltelefon gekauft.
Ein Leben begonnen, dass einen Hund verdient. Um mit ihm Stöckchen zu spielen.
Ein lohnendes Fundament für 2011 gefunden.

4. Worüber hast du dich 2010 am meisten geärgert?

Über mich selbst, die Menschen um mich herum und den Rest.

5. Worüber hast du dich 2010 am meisten gefreut?

Langanhaltende Freude, die auch der dazugehörigen Schattenseite trotzte? Freude… Ich denke nach, aber ich vergaß, wie es sich anfüllt. Und kann es nicht beantworten.

6. Welches Ereignis von 2010 war dir gleichgültig?

Um etwas aus dem jüngsten Medienmoloch zu zitieren, wer sah „Wetten dass…?“. Jedes Ereignis, dass mir nicht greifbar ist, darf sich als »mir gleichgültig« betrachten.

7. Welche neu entdeckten Bands haben dich 2010 begeistert?

False Mirror
Hurts
eScala
Melody Gardot

8. Welche neu entdeckten Bücher haben dich 2010 beeindruckt?

Die Physiker – Friedrich Dürrenmatt

Jugenderinnerungen eines alten Mannes – Wilhelm von Kügelgen

Ich bin dieses Jahr gar nicht groß zum Lesen gekommen. Zumindest außerhalb von Fachliteratur.

Dafür weiß ich noch immer nicht, wie hoch die Alkoholdemenz sein muss, um »Axolotl Roadkill« gefeiert zu haben. Und warum eine meiner Lieblingssynchronsprecherinnen ihre Stimme dem Hörbuch anbot. Ich neige ja schon zu schwerfälligen Schachtelsätzen. Zu nicht endender Symbolisierung ein und desselben Vorwurfs. Aber dieses Buch ist eine inhaltlose Zumutung.
Jawohl die Herren Kritiker. Überfrachtetes Vulgärvokabular und präpubertäre pseudoaufgeklärte Phrasen eines Teenies schaffen noch lange keinen Tiefgang. Denn Luftnummern erzeugen keine inhaltliche Schwere. Vor allem dann nicht, wenn so manches schon einmal einen Roman durchlaufen hatte. Und das Niederschreiben der jugendlichen Sprachapathie ist noch lange kein stilistisches Mittel. Es muss nicht jedes Buch eine Offenbahrung der Satzkonstrukte sein. Jeder, der Winston Grooms »Forrest Gump« oder Camus »Der Fremde« las, wird wissen was ich meine… Dachte ich doch vorher, dass zumindest der Buchmarkt noch seinen Idealen treu blieb.

9. Welche neu entdeckten Spiele zogen dich 2010 in ihren Bann?

Bioshock 2
Runes of Magic
Siedler 7

10. Welche neu entdeckten Filme haben dich 2010 fasziniert?

Sherlock Holmes (in einem Quartal 23x gesehen)
In China essen sie Hunde
Adams Äpfel

11. Welche kennengelernten Menschen hinterließen 2010 einen bleibenden Eindruck?

Ich hatte dieses Jahr die Gelegenheit, den Freundes- und Bekanntenkreis zu erneuern, untermauern und zu erweitern. Ein allzu seltenes Schauspiel in meinem Leben. Habe ich doch meist nur das Vergnügen, diesen zu lichten. Beziehungsweise von der Zeit diesen lichten zu lassen. Ob da bleibende Eindrücke entstanden, das wird die Zukunft noch zeigen.

12. Wer ist dieses Jahr gestorben?

Mein ehemaliger Vorarbeiter. Wer seine Art verstand, sah, dass er einer der wenigen war, die einen respektierten. Und einige mehr. Es stirbt jede Sekunde nicht nur einer.

13. Welche deiner Blogpostreaktionen gefielen dir besonders gut?

Die zu meiner Feldstudie über das Leben und Wuseln der Konz-Urkost-Tierchen. Es war der erste große Artikel und erfreute sich der größten Beliebtheit. Zumindest im Verhältnis zu diesem Blog.
Natürlich sind Kommentare eine belebende Gelegenheit den Inhalt des Textes noch einmal zu durchdenken und andere Richtungen einzuschlagen. Doch wie gesagt, im Grunde schreibe ich für mich. Wodurch sich hier auch wenig Weisheit für Fremdnutzer finden lässt, sondern mehr eine Ansammlung schlichter Abhandlungen banalen Ansichten vorhanden ist. Oder um es einmal beschönigend auszudrücken: Dem Blog steckt mehr verstrickte Philosophie zugrunde, als nüchterner Fakt.

In diesem Sinne

Auf die Zukunft, wie launisch sie auch sein mag.

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