Gothic Friday – August: Top of the Goth, zweiter Akt

Photobucketes Goth-Tops zweiter Akt ruft zur Rangvergabe von Wortwerken auf. Letterbehaftete Dunkelwerke, bei denen die Druckerschwärze nicht der einzige Schwarzanteil sein soll. Ich halte mich hierbei alleine bei den Druckerzeugnissen auf.
Da ich ehrlich gesagt keine Schwarzen Seiten außerhalb jener mitwirkenden »BlogKaden« kenne sowie durchforste und zudem nicht einmal wüsste, wonach ich dahingehend im Netz suchen sollte.

Somit bleibt das haptische Wort, bei dem einzig noch zwischen Sach- und Unterhaltungsliteratur gewählt werden sollte. Eine leichte Wahl, da ich nicht glaube, spezielle szeneinteressante Fachschmöker zu besitzen.

Ich habe nur Sachbücher, die mir erklären wollen, dass, […] wenn die Vernunft den Willen unausbleiblich bestimmt, so sind die Handlungen eines solchen Wesens, die als objektiv notwendig erkannt werden, auch subjektiv notwendig, d.i. [Anm.dR. »das bedeutet / das heißt«] der Wille ist ein Vermögen, nur dasjenige zu wählen, was die Vernunft, unabhängig von der Neigung, als praktisch notwendig, d.i. als gut erkennt. […]

Ebenso sind Bücher vorhanden, die weiterhin sagen, dass […] ein Hund, der stirbt, und der weiß, dass er stirbt, wie ein Hund, und der sagen kann, dass er weiß, dass er stirbt, wie ein Hund, ein Mensch ist […] Oder die Aufschluss darüber geben, wer über den Leichnam verfügt, da dieser nicht zum Vermögen des Verstorbenen gehört und somit auch nicht vererbt werden kann.
In meinem Besitz sind Bücher, die mir erklären, dass der Schwedische »Blodpudding« wirklich so ekelhaft in seiner Zubereitung ist, wie man es sich vom Namen her denken würde.

Fachbücher, die sagen, wie man einen Henkers- und einen Kreuzknoten macht. Warum es bei den Templern gestattet war, sich bei Nasenbluten anstandslos von der Tafel entfernen zu können. Warum noch immer viele glauben, dass Hitler die Arbeitslosigkeit bekämpfte und welche stichhaltigen Fakten dagegen sprechen. Warum man eigentlich einst in einem »Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation« lebte. Und warum alle […] Träume bisexuell zu deuten sein, als Zusammentreffen einer männlichen mit einer weiblichen Strömung. […]

Doch interessiert das den geneigten Gothic…? Wohl eher weniger. Anderseits könnte ich dabei auch keine Spitzenreiter herausgreifen. Fällt mir dieses bei Romanen schon schwer genug, so ist es mir bei Fachbüchern gänzlich unmöglich. Da jedes einen gleichberechtigten Wert besitzt. Nämlich dann, wenn es gebraucht wird. Und ansonsten, wie alle anderen auch, ungeliebt und unbeachtet Staub ansetzt.

Somit folgt der ausladende Teil des heutigen Abends. Die fünf dunkelsten Bücher, die man nicht einmal nachts lesen kann, da sie so true sind, dass sie das Licht der Leselampe wie ein schwarzes Loch förmlich aufsaugen. Oder so ähnlich….
Allerdings seit vornweg erwähnt, dass ich die meisten Bücher vor zu langer Zeit gelesen habe, um mich nun wirklich noch detailiert an den Inhalt erinnern zu können. Bei jenen, die ich schon mehrmals in den Händen hatte, wird die Sache zwar vereinfacht, aber eine Garantie auf wirklich literarische korrekte Umschreibung gebe ich hierbei nicht. Mit anderen Worten, alle Interpretationen sind ohne Gewähr.

Sibylle Berg – Sex II

[…] Der Tag ist gleich vorbei, und das ist gut denn Tage machen Sorgen in ihrer hässlichen Helligkeit, nur die Nacht gibt etwas Ruhe. Mir geht es seit geraumer Zeit schlechter, weil die Dinge, die mich von mir und davon abgelenkt haben, daß ich in einer großen Stadt wohne, nicht mehr taugen, seit geraumer Zeit. Kann ich mir nicht mehr einreden, die Stadt sei etwas anderes als ein Reagenzglas voll übelriechender Stoffe, die vor sich hin gären, faulen und kleine Explosionen erzeugen, nach denen ein Haufen Mist wird, den niemand bestellt hat. Niemand braucht die Stadt, sie taugt nur zum Krankmachen, Aidsmachen, Junkmachen, zum Neiden, zum Töten taugt die Stadt, denn was soll wachsen inmitten von Dreck. Was soll das werden, Millionen Menschen, dicht, sich riechend, sich schauend. Ein unnormaler Zustand kann nur Unmoral hervorbringen. Doch was Moral ist, weiß niemand und keine Ahnung, warum wir bleiben, sagen Menschen in einer großen Stadt. Wahrscheinlich wegen der Kultur, sagen sie. Kultur in einer Stadt? Ist klar. Ist Kino. Cineasten sitzen da, halten die Köpfe schief, sehen Bilder von anderen Leben, reden über gut fotografierte Bilder künstlicher Leben, danach, beim trockenen Roten. Haben Brillen auf und schwarze Sachen an, immer noch. Kultur ist etwas, das andere machen, ist etwas, das die Menschen in der Stadt von ihrer Unfähigkeit ablenkt, ihr Leben mit sich zu füllen. Ist Ablenkung vom Dreck. Ist, um sie in der Stadt zu halten, zu vernichten, in der Stadt, die Menschen. In einer großen Stadt kann man ins Theater gehen. Warum da einer hingeht, ist unklar. Theater taugt nicht für eine Welt, die sich gerade selber aus der Umlaufbahn schießt. […]

Photobucketo begann 1998 Sibylle Bergs Odyssee durch die Großstadt. Drangsaliert von der plötzlichen Fähigkeit in Menschen hineinzublicken und durch Wände hindurchschauen zu können, taumelt ihr literarisches Ich vierundzwanzig Stunden durch die Straßen.

Das Buch wird geliebt oder gehasst. Dazwischen gibt es jede Menge Freiraum. Nach meiner Meinung fühlen sich alljene, die es hassen, nur zu sehr an ihren Denkfehler in ihrem Weltbild erinnert…
In der Geschichte knüpft sich ein Menschenleben an das andere. Jeder trifft auf den nächsten Akteur oder kommt irgendwie mit diesen in Verbindung. Eine Begegnung, ein flüchtiger Blick oder ein unbewusstes bzw. bewusstes Beiwohnen erzeugt den roten Faden, der sich durch den Tag spinnt und dazwischen das Alter Ego Bergs verbirgt. Das mal selbstreflektierend und mal selbstzerstörerisch dem ganzen Elend beiwohnt und als scheinbar einziges menschgebliebenes Refugium fungiert. Oder mit eingestreuten »Geschichten gegen den Wahnsinn« …lockt.

Sex II zerstört. Es verstört den Geist des Lesers, zertrümmert sein Weltbild von der guten Seite des Menschen und der Eleganz sowie Würde einer urbanen Gemeinschaft.
Es skizziert Schicksale, die barbarischer aber auch authentischer nicht anders sein könnten. Es degradiert den Menschen zur bloßen Ansammlung seiner Widerwärtigkeiten und Abarten. Lässt ihn ohne Halt in seinen Untergang torkeln.
Fixer, Wichser, Mörder, Sadisten, Schizophrene, Psychopathen, Hunde, Päderasten, Masochisten, Gewalttäter, Selbstmörder, Lebensmüde, Frustrierte, Hoffnungslose…der ganz normale Wahnsinn versteckt in ganz normalen Berufen, Milieus oder sozialen Gruppen. Der Wahnsinn, der eigentlich innerhalb der abgeschotteten Anonymität der Hauswand und der Hirnschale bleiben sollte, tritt hier zu Tage.

Wem das Konzept bekannt vorkommt, der sei gewarnt. Denn gegenüber dem, was sich hinter diesem Titel verbirgt, wirkt das Kotzen der Unschuld wie der brave Neffe, der mal kurz aufmucken möchte.
Denn Sibylle Berg versteht es wie keine andere / kein anderer, jeglicher Aufmunterung den Garaus zu machen. Sie schreibt nüchtern, scheinbar uncharmant, aber eben nur scheinbar und auf hohem Niveau.
Formuliert mit abwertender Gehässigkeit, ohne plump zu wirken. Sie ist sarkastisch, zynisch, schonungslos. Und doch versteht sie es, gelegentliche Emotionen einzustreuen. Untermischt die starre Hartherzigkeit mit gelegentlicher Melancholie, mit Trauer, Depression oder unterschwelligem Humor, Galgenhumor. Sie ist gewitzt ohne zu alberner wie unpassender Heiterkeit auszuarten. Bricht damit die harte verklärte Atmosphäre. Hindert den Leser daran abzustumpfen und lässt ihn an richtiger Stelle einen Schauer Menschlichkeit den Rücken hinunterfahren.

Albert Camus – Der Fremde

Photobucketin dünnes Büchlein, das einen ebenfalls von den Symptomen der Philanthropie sowie des heiteren Roman befreien kann. Auch haptisch eines meiner liebsten Bücher. Ein offiziell abgeschriebenes Bibliotheksstück von 1961. Dessen Einband vom typischen Registrierungsprozedere geprägt ist und dessen vergilbte Seiten den Charme der Geschichte unterstreichen, ohne verbraucht oder abgenutzt zu wirken.

Ein altbekannter guter Bekannter, oder gar Freund, Bezeichnungen von Beziehungen sind relativ, der in diesem Blog schon Erwähnung fand, bot es mir vor vielen Jahren zum lesen an. Dies geschah. Anfangs missmutig, doch späterhin mit wachsendem Interesse. Bis schließlich jenes Exemplar über ein internetstämmiges Auktionshaus zu mir fand.

Der Roman appelliert anfangs an die Geduld des Lesers, da dieser recht platt geschrieben ist und sich ebenso träge lesen lässt. Ausgeklügelten Satzbau, blumige Wortmalerei oder eine gewisse literaturästhetische Anbiederung sucht man vergebens. Und doch ist gerade die literaturästhetische Verantwortung vom ersten Satz an von Camus beachtet worden.
<[…] Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Aus dem Altersheim bekam ich ein Telegramm: «Mutter verschieden. Beisetzung morgen. Vorzügliche Hochachtung.» Das besagt nichts. Vielleicht war es gestern. […]

Gelangweilt und emotionslos reiht sich ein Satz an den nächsten. Beginn in immer gleichbleibender Abfolge. Routiniert. Und transportier somit ganz bewusst den Charakterzug des Protagonisten aus der reinen Handlung heraus und hinein ins Gesamtbild.
Dieser ist kühl, emotionslos, ohne Anteil oder ohne Sinn für Empathie. Das Geschehen erfährt in diesem Buch nur gleichgültige Beachtung, es wird Mittel zum Zweck und lässt den Protagonisten somit ganz nebensächlich zum Mörder werden. Oder auch nicht. Man weiß es nicht.

Der Lauf der Dinge wird hingenommen. Zwar wird dieser beachtet, doch wird ihm keine emotionale Beachtung geschenkt. Somit zählt alleine der Tatbestand, ohne von emotionalen Aspekten hätte gelenkt oder geklärt werden zu können.
Und so stellt der Roman die Frage auf, wieviel Sachlichkeit in den Dingen stecken mag, wenn man diese ohne die Gefühlsebene betrachtet.
Und wie darf man das Wesen des Protagonisten verstehen? Als die Fremdartigkeit der Rationalität oder doch nur als Banalitäten eines desinteressierten Lebens.

[…] Man habe festgestellt, dass meine Mutter kürzlich im Altersheim gestorben sei. Dann habe man in Marengo nachgefragt. Die hiermit beauftragten Beamten hätten erfahren, daß ich am Tage von Mamas Beerdigung «Gefühllosigkeit» gezeigt hätte. […] Er [der Anwalt] fragte mich, ob ich damals traurig gewesen sei. Diese Frage verwunderte mich sehr, und es wollte mir scheinen, daß es mir sehr peinlich gewesen wäre, wenn ich sie hätte stellen müssen. Ich antwortete, daß ich mich nicht mehr viel beobachte und ihm deswegen kaum Auskunft geben könne. Natürlich mochte ich Mama sehr gern, aber das besagte ja nichts. Alle gesunden Menschen wünschten sich mehr oder weniger den Tod derer, die sie liebten. Hier unterbrach mich der Anwalt; er schien sehr erregt. […]

[…] Aber plötzlich hob er [ein Priester] den Kopf und sah mich an. «Warum», sagte er, «wollen Sie meinen Besuch nicht?» Ich antwortete, ich glaubte nicht an Gott. Er wollte wissen, ob ich dessen ganz sicher sei, und ich antwortete, ich brauchte mich das nicht zu fragen: ich fände das ganz unwichtig. Da lehnte er sich gegen die Wand, die Hände flach auf die Schenkel gelegt. Er begann zu sprechen, als gälten seine Worte gar nicht mir, und bemerkte, er habe die Beobachtung gemacht, daß man manchmal sicher zu sein glaube, es aber in Wirklichkeit nicht sei. Ich sagte nichts. Er sah mich an und fragte mich: «Was halten Sie davon?» Ich antwortete: daß sei schon möglich. Jedenfalls wisse ich vielleicht nicht, was mich wirklich interessiere, ich wisse aber ganz genau, was mich nicht interessiere. Und was er sagt, das gerade interessiere mich nicht. […]

Carl Einstein – Bebuquin oder die Dilettanten des Wunders

Photobucketufgrund meiner Begeisterung und Bewerbung des Albums »Morque« von Das Ich wurde mir ein schmales und für diese Art typisch unscheinbares Büchlein in die Hände gedrückt. »Prosa des Expressionismus; mit Materialien« vom Klett Schulbuchverlag.

Damals, 2000, war ich offiziell noch als Facharbeiter im GaLA-Bau geführt und dachte weder an Abitur, noch ans Studieren. Somit stolperte ich recht unbedacht in die zynisch manisch-depressive Welt des Expressionismus. Da in der Schule zwar bis zur Ermüdung mit Aufklärung, Sturm und Drang und Trümmerliteratur gelangweilt worden war. Doch solche wirklich kraftvollen Schaffensperioden gänzlich ignoriert wurden. Wohl ein Problem im allgemeinen Lehrplan. Einzig Kafka finde mal kurze Erwähnung, doch das auch erst ab der Gymnasialstufe. Diese Literaturepoche der Selbstsuche ist und bleibt die ungemochte Stieftochter des Deutschunterrichtes.

Jedenfalls, in jenem Heft von 115 Seiten fanden sich unter anderem »Gehirne« des Meisters Benn, »Die Ermordung einer Butterblume« von Döblin, »Der Irre«« von Heym und ein Auszug von Einsteins »Bebupuin« Ein Kapitel, dass mich mehr und mehr in seinen Bann zog und zum Erwerb des vollständigen Buches nötigte.
Wobei »Buch« hierbei nicht wirklich ein quantitativ bezogenes Wort der Wahl sein kann. Umfasst das Wert mit Anmerkungen und Literaturhinweisen nicht einmal 100 Seiten. Dafür treffen diese mehr Aussage als so manche 1000seitige Romanreihen.

Carl Einstein gelingt es in der Geschichte ein surreales Universum zu schaffen. Dessen Inhalt ebenso abstrus wie logisch den Leser geißelt. Ein Inhalt, der das Streben seiner Protagonisten beschreibt. Die verzweifelte Suche, das innere Aufbegehren, nach eben jenem Wunder. Eines das aus ihrem Selbst entstehen könnte. Philosophie, Ästhetik, Sinnsuche. Der Gang der Geschichte führt zu den verschiedensten Eckpfeilern, die den Weg zu jenem Ziel hätten abstecken können. Doch alles offenbart sich zu einer ernüchternden Ahnung: Unfähigkeit. Das Unvermögen sich selbst zu übersteigen und ewig nur mit dieser Sehnsucht beladen zu sein.

Es ist ein Roman als Abrechnung gegenüber dem Roman ansich, gegenüber der Konvention. Im Grunde ist es geballter Expressionismus. Es ist absolute Prosa, welche hierbei auf den Leser niederschlägt und jeden abstraft, der darin allein die wortgeebnete Seichtigkeit von Trivialliteratur sucht. Oder gar irgendwelche Ansprüche an bildhaften Realismus stellt.
Wer allerdings in Werken schwelgen kann, deren Wortgewalt fast ausschließlich Symbole, Metapher oder Gleichnisse innewohnt, dessen Kausalität allein in akausalen Gefilden zu finden ist und deren abstrakte Figuren, Orten und Zusammenhänge stets zur Interpretation zwingen, der findet hierbei ein Paradies.

[…] Er [Giorgio Bebuquin] schrie die Puppe an, beschimpfte sie und warf sie wieder einmal von ihrem Stuhl vor die Türe, wo die dicke Dame sie etwas besorgt aufhob. Er wand sich in die leere Stube: »Ich will nicht eine Kopie, keine Beeinflussung, ich will mich, aus meiner Seele muß etwas ganz eigenes kommen, und wenn es Löcher in eine private Luft sind. Ich kann nicht mit den Dingen etwas anfangen, ein Ding verpflichtet zu allen Dingen. Es steht im Strom, und furchtbar ist die Unendlichkeit des Punktes.«
Die dicke Dame, Fräulein Euphemia, kam und bat ihn fortzufahren, als ein dicker Herr ihn anfuhr:
»Jüngling, beschäftigen Sie sich mit angewandten Wissenschaften.«
Peinlich ging ihm das Talglicht eines Verstehens auf, daß er, wo er ein Schauspiel sehen wollte, einem anderen zum Theater gedient hatte. Er schrie auf:
»Ich bin ein Spiegel, eine unbewegte, von Glaslaternen glitzernde Pfütze, die spiegelt. Aber hat ein Spiegel sich je gespiegelt?«
Mitleidig blickte ihn der Korpulente an. Er hatte einen kleinen Kopf, eine silberne Hirnschale mit wundervoll ziselierten Ornamenten, in welche feine, glitzernde Edelsteinplatten eingelassen waren. Giorgio wollte entweichen; Nebukadnezar Böhm schrie ihn wutvoll an:
»Was springen Sie so in meiner Atmosphäre herum, Unmensch?« […]

[…] Fräulein Euphemia bat die Herren, mit ihrem Geist rationaler umzugehen, und sie wolle gern ein Ballokal besuchen. Die beiden nickten und stampften die Holztreppe hinunter.
Euphemia holte einen Abendmantel, und Nebukadnezar ergriff ein Sprachrohr und bellte in die sich breit aufrollende Milchstraße:
»Ich suche das Wunder.« Der Schoßhund Euphemias fiel aus dem Sprachrohr; Euphemia kehrte angenehm lächelnd zurück.
»Beste«, meinte Nebukadnezar, »Erotik ist die Ekstase des Dilettanten; ich werde Sie aber in meinem nächsten Feuilleton protegieren. Die Frauen sind immer aufreibend, da sie stets dasselbe geben, und wir nie glauben wollen, daß zwei ganz verschiedene Körper das gleiche Centrum besitzen.«
»Adieu, ich will Sie nicht hindern, Ihre Betrachtungen durch die Tat zu beweisen.« […]

Lautréamont – Die Gesänge des Maldoror

Photobucketicht weniger unzuvorkommend in seiner Lesbarkeit, doch um einiges bösartiger entfalten sich die sechs Gesänge des Maldoror. Ein Buch für das ich mehrere Anläufe benötigte, da es einem dessen Schreibstil untersagt, nur beiläufig gelesen zu werden.

Doch wenn man die Grenze des Unverständnisses durchbrochen hat und sich in den Stil hineinlas, dann trifft man auf ein finsteres Gedankengut, das man schon fast als Philosophie des konsequenten Anti-Daseins bezeichnen könnte.

Und man begegnet unweigerlich dem Maldoror, dem lyrischen Ich. Dem gefallene Erzengel, dem Inbegriff der Schönheit sowie die Inkarnation des Bösen und des Hassen. Der in einer Orgie der Egozentrik und mittels der Gesänge seine Gedanken und Taten sowie widerfahrende Ereignisse streifen lässt.
Diese Gesänge sind einerseits voller poetischer Anmut und anderseits voller gewaltverherrlichender Ausschweifungen. Sie sind lyrischer Hass. Der Hass des Maldorors. Hass auf sich und seine Existenz zwischen den Menschen. Auf den Menschen an sich und auf Gott. Sowie der eiserner Wille, den Menschen in seiner Schlechtigkeit zu übertreffen, um dadurch diesen und Gott abzustrafen.

Es gibt keine Moral und keine Harmonie. Und es werden Themen geschildert, die sich manch ein heutiger Autor nicht einmal mehr in den Mund zu nehmen traut. Denn während man heute mit stumpfer Gewalt, Vulgärsprache oder lieblosen Fickgeschichten zu schocken gedenkt, erweckte Lautréamont schon 1874 eine ganz eigene Art der thematischen Abart und ließ seinen Engel kein Tabu verschmähen. Lästerei, Blasphemie, Päderastie, Manipulation sowie Gemetzel an Tier, Mensch und Kind gehen einher mit abgrundtiefem Eigenhass und der Freude an der Selbstzerstörung. So wie für den Marquis de Sade das Verständnis von Erotik gewesen war, so war für Lautréamont die Auslegung von einer Abrechnung.

Die Gesänge, die sich in verschiedene Unterkapitel aufteilen, binden sich kaum zu einem erzählerischen Zusammenhang. Sie sind abgeschlossen und ebenso autark wie autonom. Mal beschreibt der Maldoror sein Treffen auf Gott, mal den Verfall der Menschheit. Mal besingt er das Ungeziefer oder die Künste, mal betrachtet er einen Totenzug oder weidet ein Mädchen aus. Mal hetzt er auf oder erfreut sich an Gottes Strafen, die über ihn hereinbrechen. Mal strebt er nach absoluter Selbstzerstörung und mal nach absolutem Schrecken. Er ist der finstere Gedanke des Lesers, der nach und nach an die Oberfläche zu kommen droht. Oder ganz und gar anwidert.

[…] Es war ein Frühlingstag. Die Vögel sandten zwitschernd ihre Lieder hinaus, und die Menschen, ihren verschiedenen Pflichten hingegeben, gaben sich dem geheiligten Müdesein hin. Alles arbeitete an seinem Schicksal; die Bäume, die Planeten, die Haie. Alles, mit Ausnahme des Schöpfers! Er lag auf der Straße hingestreckt mit zerrissenen Kleidern. Seine Unterlippe hing wie ein erschlafftes Seil herab; seine Zähne waren nicht gewaschen und der Staub vermischte sich mit den blonden Wellen seiner Haare. In schwerem Schlummer erstarrt, von den Kieselsteinen zerschrammt, bemühte sich sein Körper vergebens, sich zu erheben. Seine Kräfte hatten ihn verlassen und er lag da, schwach wie der Erdenwurm, unempfindlich wie die Baumrinde. Weinströme füllten die Wagengeleise, die von den Zuckungen seiner Schultern ausgehöhlt waren. Die Vertiertheit mit der Schweineschnauze bedeckte ihn mit ihren schützenden Flügeln und warf ihm einen verliebten Blick zu. Seine Beine hämmerten mit schlaffen Muskeln den Boden, wie zwei abgebrochene Masten. Das Blut floß aus seinen Nasenlöchern: beim Fall war sein Gesicht gegen einen Pfahl geschlagen… Er war betrunken! Abscheulich betrunken! Betrunken wie eine Wanze, die während der Nacht drei Tonnen Blut geschluckt hat! Er erfüllte das Echo mit zusammenhanglosen Worten, die hier zu wiederholen ich mich hüten werde; wenn der erhabene Trunkene sich nicht achtet, ich – ich muß die Menschen achten. Wußtet ihr, daß der Schöpfer… sich betrank!!! […]

Mit dem Letzten der Bücher, die Chronologie unterliegt übrigens keiner Wertung, tat ich mich recht schwer. Welches sollte es sein. »Und die Eselin sah den Engel« von Nick Cave oder doch Houellebecqs »Elementarteilchen«?

Ich entschied mich für das Bewerben eines Buches, das ich schon oft genug in den Mund genommen hatte, im übertragenen Sinne, und auf dessen Namen aufmerksame Leser jetzt schon gedanklich stoßen werden. Und dass ich immer wieder erwähnen werde, als eines der besten Geschichten, die ich jemals gelesen hatte. Da diese jenseits aller Bestsellerlisten und Interneteinträge alleine im Verborgenen liegt.

Frank R. – Die Zauberhafte Lüge

Photobuckets war auf dem letzten WGT vor meinem Abtriften in westliche Horizonte. Bei meinem Streifzug durch die AGRA-Halle blieb ich vor einem kleinen Buchstand stehen und überflog die grauen Einbände mit der Bleistiftzeichnung.

Ein Fehler, wie sich später herausstellte. Denn ein neckischer Kahlgeschorener kam fluchs aus jenem Stand gesprungen und hielt mir augenblicklich ein Exemplar vor das Gesicht. Und betrieb wortreiche Agitation über die Zauberhaftigkeit jener Geschichte.

Keine Ahnung, wer das war und ob das überhaupt geschah. Denn wenn ich nun alljährlich dem Stand begegne und dahinter den ruhigen wie gutmütig dreinblickenden Autor sehe, so denke ich mir, dass ich unter diesen Umständen der Zurückhaltung womöglich nicht zu jenem Buch gegriffen hätte.
Wäre ein Verlust gewesen, denn schon innerhalb der WGT-Tage neigte sich die Geschichte dem Ende zu. Somit waren jene Tage geprägt von dem kurzen Einblick in das Leben des Protagonisten Peter sowie diverser Widerwärtigkeiten des Lebens. Und begleitet von Gestalten wie den Laiendarstellern Marabu und Stachelschwein. Einem kahlköpfigen Kaktus, dem Schluckspecht, dem Kunderbunten Filmvorführer und vor allem Susanna.

Im Grunde ist das Buch nicht besonders »schwarz« Es ist nicht so bösartig wie die anderen Aufgelisteten. Steckt nicht voller Klischees oder typischer Inhalte. Es ist vielmehr ein Märchen. Eine melancholisch bis heitere Geschichte, um Phantasie, Vor-sich-hin-leben und die Liebe.
Doch diese Geschichte ist sympathisch und das macht sie in meinen Augen wiederum ebenso verstörend. Der Protagonist in seiner Art, in seinem Wesen, seinem Handeln und Denken ist nachvollziehbar. Schlimmer noch, er entpuppte sich als ein Ebenbild meiner Persönlichkeit und Weltanschauung. Die Geschichte hätte die meine sein können. Das Wesen mir auf den Leib geschrieben sein können.
Zudem sind die Fantasien und Ereignisse so natürlich, dass man beim Lesen unweigerlich in die Welt gezogen wird. Man nimmt die Geschehnissen nicht mehr als fiktive Worte auf Papier wahr, sondern erlebt sie wie Erinnerungen. Liebgewonnene Erinnerung des gewöhnlich tristen, missglückten oder auch freudigen Alltags. Bis zu der Geschichte Ende.

Mit jedem Lesen gleite ich hinein in die Atmosphäre. Ich weiß, was als nächstes geschied, ich kenne mittlerweile die Kapitel. Grüße beim Lesen die Absätze wie alte Bekannte und bin mir des Endes voll und ganz bewusst.
Und dennoch schlägt dieses jeden Mal auf´s Neue zu. Reißt eine tiefe Kluft in die aufgebaute Sympathie, Schwermut und Friedlichkeit. Sodass jenes Buch mit einem erneuten emotionalen Schlag zugeklappt wird. Und wieder umhüllt einen tiefe Trauer, als wäre es nicht das Ende einer Geschichte, sondern eine jüngste persönliche Erinnerung gewesen, die einem einen solchen Schlag versetzt hat.

Beachtlich. Womöglich geht es nur mir so, da auch ich viele Bücher nur als Bücher las, die andere zu engerer Bindung verleitet hatten. Doch es ist faszinierend, auch jene Erfahrung gemacht zu haben.

[…] Sie hatte ihn auffallend kühl empfangen, stand bereits ausgehbereit in der Tür, als hätte sie nur auf sein Eintreffen gewartet. Schweigend verließen beide das Haus und betraten die mit einem Mal graue, unfreundliche Straße. Sie faßte ihn nicht an der Hand, so wie immer, sondern lief mit Abstand neben ihm, der nicht wusste wohin überhaupt seine Füße ihn trugen. Ja, ebendiese Hand, die ihm heute herzlos verweigert wurde, gab Peter schließlich letzte Gewissheit über die von Dana getroffene Entscheidung. Gar nichts mußte mehr ausgesprochen werden in diesem Moment, denn längst hatte sie ihm alles anvertraut, jene Hand, der man die ihr innewohnende Macht, die unfaßliche Macht zu agieren, zu helfen, zu überraschen, zu vergeben und zu strafen nie und nimmer ansehen konnte. Einzig die Zärtlichkeiten, die sie auszuteilen vermochte, waren gelinde zu erahnen, jedoch nicht, mit welcher Leidenschaft diese Gaben verabreicht wurden. […]

[…] Die Nacht war mittlerweile in ihre vollkommenste Periode getreten, und wie Peter erneut vom vielgelichtigen Festplatz über die Böschung das Ufer erreichte, mußte er fürwahr eine angestrengte Weile Ausschau halten, bis der Schatten des Mädchens sich aus der Dunkelheit löste. Er rückte wiederum dicht neben sie, stützte sich mit beiden Armen nach hinten ab, und da war ihre Hand unversehens unter seine geraten und wurde nicht wieder fortgelassen.
Gleich schoß inwendige die Wärme empor, und Peter gefiel es, auf jenes liebreizende Maiglöckchen Obacht zu geben, welches dort soeben einem herrisch dreinblickenden Kaktus im aufgeblähten Sonntagsstaat mit frechgeführter Klinge behilflich war, sich seiner stachligen Schädelzierde zu entledigen.
„Ein Kaktus mit Glatze?“, rief er laut und lächelte zum Maiglöckchen. „Was soll der Unfug?“
„Misch dich nicht ein, Jungchen!“, zischte der verkannte Elegant. „Was weißt du schon von der neusten Altweibersommerballcoiffure.“ […]
„Auch würzigen Ouzo?“
„Freilich, freilich.“
„Feurigen Tequila?“
„Welche Unverschämtheit!“ Und damit verschwand der Kaktus, nachdem er zunächst vor Wut blaß geworden war.
Das kleine Maiglöckchen lachte, und Peter stockte ein wenig der Atem, wie sie – zierlich und auf eine anziehende Weise unfertig – in ihrem kurzen, schneeweißen Röckchen in Kindermanier posierte und knickste, und ein feiner, ganz eigener Duft ging von ihr aus.
Er legte seinen Arm um sie, Konstanza ließ es mit sich geschehen. Ihr Kopf lag auf seiner Schulter, und so saßen sie still und lauschten den Geräuschen der Nacht.
„Schade, daß wir nicht auch jedes Wochenende Altweibersommer haben.“, sagte Peter irgendwann.
„Wieso auch?“, fragte Konstanza.
„Na, hast du nicht gehört, was der Kaktus erzählt hat?“
„Welcher Kaktus?“
„Schon gut“, antwortete Peter nach kurzem Bedenken. „Das war nur Spaß.“ […]

…Ende

5 Gedanken zu „Gothic Friday – August: Top of the Goth, zweiter Akt

  1. Albert Camus – Der Fremde. Der hätte auch gut aus meinem Regal fallen können. Die zauberhafte Lüge nehme ich als Empfehlung mit. Danke.

  2. Ist sah auch schon etwas interessant expressionistisches in Deiner Auflistung.

    Dann hoffe ich einmal, dass »Die Zauberhafte Lüge« für Dich hält, was ich verspreche.
    In diesem Sinne, viel Vergnügen.

  3. Ich glaube der insgeheime Wunsch jedes Schriftstellers ist es, in Zusammenstellungen wie dieses den Geist wiederzufinden, den sie einst in ihre Worte legten. Ich bin daher gespannt, wann DEIN erstes Buch in einer solchen Liste auftaucht. Und ich betone das Wann, denn um das “ob” mache ich mir keine Sorgen.

  4. Ehrlich gesagt mache ich mir noch um das Wann sowie das Ob sorgen. Wobei ich auch gestehen muss, dass ich bis dato noch nichts wieder in der Richtung unternommen hatte. Was sich allerdings bis zum Jahresende ändern könnte und auch sollte.
    Und wenn es noch immer keinen interessiert, interview ich einmal Frau Kirnapci zum Thema Eigenvermarktung. Denn noch bin ich ja lernfähig.

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