Uns bleiben nur nackte Namen. G – Untermhaus

Photobucketer Tag tat so, als wolle er wirklich zum Sommer gehören. Eine in den letzten Wochen rar gewordene Gunst. Und so nutzte ich die Stunden, um auf dem letzten der Gottesacker mein Unwesen zu treiben. Zumindest der Acker des unmittelbaren Stadtgebietes.

Allerdings nicht ohne dabei zweckdienlichen Umweg einzuschlagen. Oder zumindest ein paar Gänge zu verknüpfen. Unter anderem einen zu meiner Lieblingsbehörde, um dort ganz anstandslos, mit wichtiger Mine und gutmütigem Lächeln ein Führungszeugnis zu beantragen. Aber keines von den schnöden grüngiftigen Standardpapieren, bei denen ohnehin nichts von Interesse niedergeschrieben steht. Sondern dessen Luxusausgabe, gemäß § 30 A des Bundeszentralregistergesetz alias BZRG. Da kommt man sich gleich viel wichtiger vor, als bei einer kleinlichen Wohnanschriftsänderung. Oder der routinemäßigen Beantragung jenes schnöden grüngiftigen Standardpapiers.

Warum? Wieso? Weshalb? Es sieht eingerahmt über dem Monitor einfach herzzerreißend aus und erinnert einen daran, was für ein hoffnungslos unrebellischer Gutmensch man doch ist. Und anderseits muss man jenes Papier beim Schulamt einreichen. Damit diese daran schnüffeln können und einen dann aufgrund des Nichtvorhandenseins von Vorstrafen und / oder mentalen Defekten beruhigt auf ihre Berufsschüler loslassen. Trotz Schlägerfrisur, Amokläuferblick und Manhunt-Clanlogo-Armbinde. Somit eine recht feine Sache, wie ich finde.

Nach dem abhaken dieser Formalität schulterte ich erneut die Kamera auf und folgte dem Tramnetz, das mich fernab der Innenstadt in die altehrwürdige Altstadt führte. Entlang der Schienen hatte sich vieles getan, seitdem ich damals dort gewohnt hatte. Neuer Anstrich, neuer Straßenbelag, ein komplett neues Gesicht.
Doch nach kurzem Einbiegen in die Nebenstraßen und durchqueren der Randgebiete hatte einen die vergangengeglaubte Atmosphäre wieder. So ging ich entlang maroder Fassaden leerstehender Häuser, die sich nähesuchend an die bewohnten schmiegten. Entlang der pragmatischen Umzäunung einer Kleingartenkolonie, vorbei an weiteren Einfahrten und Innenhöfen, die so zeitzahngelitten dreinblickten, wie schon vor 10 Jahren.

Über den brüchigen Beton des verwaisten Gehweges, über die zähen Gräser, die diesen weiter durchbrachen und hin zum Eingangsbogen des letzten Ackerbodens der Toten. Brauchte ich beim dem des Ostens gute drei Tage, um einen groben Überblick zu haben, so konnte jener und der vorhergehende im Süden innerhalb eines Tages erkundet werden.
Im Grunde eine angenehme Wohltat, zumal diese beiden über etwas verfügten, was ich nach Stunden des Umherwanderns danken annehme: Wassergeflutetes Porzellan. Hege ich doch wenig Ambition, innerhalb eines Friedhofes zur Versauerung des Bodens beizutragen.

Sollte ein solcher Platz doch der Andacht und Ruhe vorbehalten sein, so entwickelt er sich für mich allmählich zum Umschlagplatz alter Erinnerung und deren Verbreiter. Denn so wie mir beim Ost eine gute Kollegin aus ITS-Tagen über den Weg lief, so traf ich nun einen nicht minder sympathischen Kollegen aus alten Bauhoftagen. Besser gesagt, aus Tagen der Zwangsverschickung in die Pflege städtischen Grüns und aus dem späteren Intermezzo bei der Brunnentechnik.
Die Zeit besitzt den Vorteil, dass man aufgrund seiner äußerlichen Veränderung nur noch von denen erkannt wird, die einen erkennen wollen. Und dies beruht zumeist auf Gegenseitigkeit. So wurden Worte gewechselt. Und die typischen Themen durchzogen im gesetzten Tonfall die Stille. Vergleiche des Damals mit dem Heute. Definierung der Wertegänge. Internes Wissen und das Schütteln der Hände.

Während weiterhin das Sonnenlicht auf meinen Körper einfiel und den längst erschöpften Vitamin-D-Bestand etwas anheben konnte, stapfte ich weiterhin durch die Reihen. Bis hin zum Unterholz der ältesten wie monomentalen Grabflächen. Zwar bin ich mehr ein Freund der Moderne, da alte Gräber von jedem Klischeedeppen geknipst werden, doch diese Anziehungskraft kommt nun einmal nicht von ungefähr.

So bahnte ich mir meinen Weg zu einem Mausoleum alter Tage. Blättriger Putz, der nur noch von Kletterpflanzen gehalten wird. Spröde Scheiben und ein durch und durch passender Anblick innerhalb der grünen Verwilderung.
Abgesehen davon, dass mir diese Umgeisterung ein albernes Maß an Überwindung abverlangte. So wie das Monument dort stand. Massiv, alt und thronend. Schweigend, duldend und damit fast schon lauernd. So regte es sofort den unerfreulichen Teil meiner Fantasie an. Und die Tatsache, dass eine innen stehende Statur mich dabei aus dem Schatten und durch die mittlerweile scheibenlose Eingangspforte anstarrte, tat dabei ihr übriges.

So stand ich einige Sekunden vor dem Mausoleum und schlich mit bedachter Ruhe näher heran. Den Blick nicht von den zerschlagenen Fenstern lassend und dabei die irrewitzigen Bilder in meinem Kopf ignorierend, die spontan für Stoff für knapp vierundzwanzig Schockeffekte sorgten. Leider waren geschätzte achtzehn davon schon einmal in irgendwelchen Filmen gewesen. Doch so brauchte ich mir auch nur sechs davon für spätere Geschichten zu merken.

Je näher ich der Pforte kam, desto stärker wurde der Sog ins Innere. Ein Sog, dem jedes Geräusch zum Opfer fiel. Man konnte förmlich spüren, wie die Natur des Friedhofes mit jeder Stufe mehr verstummte. Wie das Leben in die leblose Tiefe geatmet wurde und dort lautlos verschwand. Einzig der kalte Dunst steinener Gemäuer wurde wieder ausgeatmet und quoll mir entgegen. Klamm, modrig und schwerfällig entstieg es den Fenstern und ergoss sich über die eigentlich verspielt warme Sommerluft.

Tot ist tot. Vorallem, wenn es innerhalb schwerer Mausoleumstüren und unter noch schweren Steinplatten liegt. Und dennoch. Atmosphäre und Phantasie sind die trickreichsten Gegenspieler von Rationalität und Vernunft.
Bedauerlich, dass ich keine Bilder eines Mausoleums aus der mittelhessischen Gegend mehr haben. Da dieses allzu surreal wirkte. Inmitten dessen wuchtete ein Kindersarg. Links und rechts davon stand jeweils ein Tisch, um den sich angeschlagene wie umgekippte Stühle und verwehtes Spielzeug tummelten. Ein Spielzimmer für den Schnitter. Ich hoffe dieser Anblick existiert noch, sollte ich jemals wieder auf ausgedehnte Wanderschaft gehen können und diesen Friedhof wieder finden.

Steingarten

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Dornenreich

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Lieber die Taube auf der Hand…

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Blumenkind

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Ein Traum von Winter

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Müder Wanderer

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Stoiker

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monumentum antiquus

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Schlafgemach

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Entrer

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2 Gedanken zu „Uns bleiben nur nackte Namen. G – Untermhaus

  1. Gratias ago.

    Auch wenn ich verblüfft bin. Hätte ich doch nicht erwartet, dass gleichzeitige Begeisterung für Mystik und dem Spielball der Schickeria wie Dekadenz vorhanden sein kann.
    Zumindest schlussfolgere ich letzteres aufgrund der Namensverknüpfung zur Börsen- und Aktienhüpfburg.

    Post scriptum: Nicht persönlich gemeint. Eher als Akt der Verwunderung oder des Spamverdachts. Welches von beiden, das darf sich hierbei ausgesucht werden.

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