Tag 7 – Ein Buch, das dich an jemanden erinnert

Photobucket ch könnte jetzt sagen, dass mich Akif Pirinçcis Felidae an so ziemlich jeden Streuner erinnert, der mir bis jetzt schon über den Weg lief. Ganz gleich ob freiwillig oder unfreiwillig. Aber Katzen haben nun einmal die Angewohnheit, dass sie ein persönliches Kennenlernen niemals zulassen würden. Von daher beziehe ich diese Kategorie doch auf einen Menschen.

Als hauptberuflicher (Über)Lebenskünstler studierte er mal dieses und dann doch wieder jenes. Lebt mal hier und mal da. Und im Grunde weiß man nie wo er gerade wieder rumstreunt oder was er überhaupt macht. Und vor allem, warum er es macht. Er fotografiert, schreibt, komponiert und macht den Fehler, der zum Glück noch einigen anderen Zeit ihres Lebens widerfährt: Er denkt ununterbrochen nach. Sei es mit aller Tiefgründigkeit und erfrischender Begabung zur Philosophie oder sei es einfach nur durch heiter verdrehte Gedankenverwirrungen, die ihm entströmen. Im Grunde gibt sich beides auf chaotische Art und Weise die Klinke in die Hand.
Namentlich handelt es hier um Falk. Wobei das auch völlig gleich ist. Sollte er es lesen, so sei er gegrüßt, aber für jeden anderen ist dieses nur ein geschichtsloser Name. Dennoch würde ich nicht drum herum wollen, ihn zu nennen. Denn sein Name steht in enger Verbindung mit dem Buch, das mich an jemanden erinnert.

Ich weiß nicht mehr wann es war, aber zehn Jahre sind seitdem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon ins Land gegangen. Ein Arbeitskollege/Kumpel/Kompatres und ich besuchten meine Cousine in Karlsruhe. Ich kann nicht einmal mehr genau sagen, was für dieses Mal der Anlass gewesen war. Aber ich meine mich erinnern zu können, dass wir dahingehend eines Abends durch das Karlsruher Kneipenleben schlenderten. Es war einer dieser stadtfestähnlichen Themennächte gewesen, mit pauschalen Sammelkarten für Eintrittsboni und kostenlosen Bahnverkehr. Irgend so ein Blödsinn jedenfalls. Denn Kneipen und artverwandte Lokalitäten sind mir ebenso sympathisch wie Schwimmhallen, Schlachthöfe oder Schützenvereinshäuser. Ich würde freiwillig nie einen Fuß hineinsetzen und kann nicht verstehen, was anderen an der Aura dieser Gebäude begeistert. Wie auch immer, der Gruppenzwang siegt nun einmal über den Individualismus. Jedenfalls endete diese Odyssee in der Küche der Wohnung meiner Cousine. Sie hatte sich schon schlafen gelegt und mein Kumpel sowie eine Bekannte taten es ihr im Wohnzimmer auf Decken und Schlafsäcken nach. Oder war es die Wohnung der Bekannten? Erinnerungen eben, sie jagen auf Kanonenkugeln sitzend durch das Hirn und man kann sich ihrer Aussage nie sicher sein… Allerdings ist die Kulisse auch völlig egal.
Falk und ich hingegen lungerten noch in der Küche und grübelten darüber nach, ob es nicht sinnvoll wäre, es ihnen gleichzutun. Ignorierten den Gedanken aber wieder und plauderten weiter über Gott und wie Welt. Die Zeit verstrich, er braute ab und zu etwas, dass er Kaffee nannte. Und das Zeug hat einen wirklich wach gehalten. Wobei ich auf die sogenannte Wirkung von Schwarztee und Kaffee sonst allzu minimal bis gar nicht reagieren. Dann irgendwann, es muss so gegen zwei oder drei Uhr gewesen sein, kramte er ein Büchlein hervor:

Arthur Schopenhauer – Die Kunst zu beleidigen

Und seitdem wurde Zeit relativ und Schlaf uninteressant. So saßen wir mitten in der Nacht in einer kleinen Küche auf rustikalen Holzstühlen. Stille und Dunkelheit strömten unaufhörlich durch das offene Fenster, denen der Regen Gesellschaft leistete und wir beurteilten Schopenhauers Frechheiten. Die mal treffend, mal liebvoll gehässig und mal sinnlos egomanisch formuliert waren.
Es war eine wirklich faszinierende Nacht. Und eine Atmosphäre, die ich jeder Kneipe vorzuziehen gedenke. Nun gut, manch einer hatte zu der Zeit noch mehr Spaß dabei, in einer nikotingeschwängerten Luft in dem unentwirrbaren Stimmgemenge verbal zu ersticken und heiter seinem Nervengift zu frönen. Darf man ja auch, ist ja völlig legal. Mir hingegen blieb die Erinnerung an diese Küche. An schwaches Licht und diesen gediegen leisen Wortaustausch, der allein von den Klängen der Nacht und Natur getragen wurde.

In diesem Sinne steht dieser Tag 7 im Zeichen Schoppenhauers. Einem der Sympathieträger, die dem Wesen der Misanthropen eine intellektuelle Weltanschauung auferlegten. Man muss nicht allem Zustimmen, was jener Gesell mit dem stets freundlichen Wort auf den Lippen so alles von sich gibt. Auch kann man Schoppenhauer unterstellen, dass sein Drang nach Philosophie auch nur aus der Dekadenz seines eigenen Wohlstandes hervorging. Beziehungsweise dem seiner Mutter. Aber ehrlich gesagt, wer von den großen antiken Philosophen war anders drauf. Wer konnte es sich denn damals erlauben, den ganzen Tag unbekümmert rumzudenken…
Dieses Büchlein zu Schopenhauer ist durchzogen von schriftstellerischer Eitelkeit. Ebenso von dem egomanischen Drang, sein haltloses Gemotze einfach nur in überlegtere Worte zu packen, um es Philosophie schimpfen zu können. Aber dennoch steht es außer Frage, dass viele seiner Worte genau den Kern der Sache treffen. Denn durch den Mangel an Beschönigung, dem Fehlen der Gutmütigkeit oder des verbalen Kompromisses, kann sein Menschenbild perfekt auf den Punkt gebracht werden. Um damit genau das Menschenbild auf den Punkt zu bringen. Und man gesteht sich beim Lesen ein, dass er nicht nur des Zufalls wegen so oft Recht behielt und Recht behält. Schließlich kann doch der Misanthrop den Menschen am besten analysieren. Sowie nur der Philanthrop den Menschen interpretieren kann.

A. Schopenhauer
Arthur Schopenhauer

Wikipedia antwortet: Arthur Schopenhauer

[ Bildquelle: http://de.wikipedia.org ]

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