Drahtröschen

Photobucketer alte Mann lehnte sich zurück und zündete sich unter den großen Augen des Jungen zufrieden die Pfeife an:„Ja, mein junger Freund, zeit meines Lebens wurde und wird viel erzählt, hier im Land. Viele Geschichten davon widerfuhren mir selbst, von der Wahrheit vieler konnte ich mich mit meinen eigenen Augen überzeugen, denn als staatlicher Landvermesser kam ich überall im Lande rum.“.
Er zog andächtig an der Pfeife und ließ gedankenversunken den bläulich weißen Dunst entströmen, als sein Blick für einen Augenblick in die Vergangenheit abzuschweifen drohte. Aber nicht einmal einen weiteren Augenblick später begannen dessen Augen wieder zu leuchten und musterten amüsiert den Jungen.
„Aber einige blieben auch für mich nur Geschichten. Nun bin ich alt, aber die Erfahrung lehrte mich, dass es nichts gibt, indem nicht ein Funke Wahrheit verborgen wäre. So wohl auch bei dieser Geschichte, von einer kleinen Ministerei, gar nicht weit von hier.“, er holte eine alte vergilbte Karte hervor und zeige auf einen kleinen Punkt.

„Eine Zweigstelle des Ministeriums, ich war damals selber einmal dort gewesen um es zu vermessen. Aber es war der trostloseste Ort, den ich je bereist hatte. Umgeben von einer riesigen Mauer; vor der man sich hüten sollte!“, sein Blick wurde streng:
„Schon einige tapfere Burschen sollen da zugrunde gegangen sein. All ihre gepanzerten Fahrzeuge, ihre starken Rüstungen und die von Meisterhand gefertigten Waffen, Klingen oder Werkzeuge nützten ihnen nichts. Sie waren nie mehr lebendig gesehen. Also bleibe man der Mauer mit ihren Tücken und Stacheldrahtgeflecht fern, wenn einem das Leben lieb ist.“.
Der Alte strich sich überlegend über den Bart, als müsse er noch tiefer in der Erinnerung nach seiner Geschichte kramen, ließ dabei aber den Blick des Jungen nicht aus den Augen.
„Nun, man erzählt sich, dass der dort regierende Kleinminister und dessen Frau nach langem endlich ein Kind bekamen. Es soll das schönste im ganzen Land gewesen sein. Und so veranstalteten sie ein großes Fest und luden jeden ein. So auch zwölf der Heilerinnen und Priesterinnen des Landes. Denn du weißt ja, dass in jedem von unseren Ländern eine solche weise Frau lebt. Während der Feier beschenkten sie das Kind mit allerlei Gaben. Doch es war wahr, dass der Kleinminister die 13te von ihnen nicht einlud, da ihm ihr schlechter Ruf wie auch ihr Umgang missfiel und sie bei dem Fest nur eine Plage wäre.
Du kannst dir sicherlich vorstellen, dass diese Frau darüber mehr als wütend gewesen war und man sagt sich, dass sie das Kind, ein Mädchen, verflucht haben soll. Sie soll im 15ten Jahr das Anwesen des Kleinministeriums verlassen wollen und noch an dessen Schwelle zur Außenwelt tot umfallen. Gleich nachdem dem Ministerehrepaar auf der Feier diese Nachricht übermittelt worden war, erwirkte der Minister einen sofortigen Haftbefehl gegen die Frau. Man hatte sie aber nie mehr gesehen, ihr Anwesen war verlassen und die Priesterin spurlos verschwunden. Es wird aber auch erzählt, dass die zwölfte Priesterin ihr Geschenk für das Kind noch nicht übermittelt hatte, da sie von der Telegrammzustellung unterbrochen worden war. Und so konnte sie den Fluch durch den geschenkten Wunsch mindern, sodass das Mädchen nur für 100 Jahre schlafen solle…“, der alte Mann zog andächtig an seiner Pfeife.

„Und wie ging es weiter?“, fragte der Junge und schien ihn aus seinen Gedanken zu reißen.
„Nun“, begann der Alte lächelnd weiter zu erzählen: „der Minister ließ eine Mauer um seinen Ansitz errichten, ohne Türen, ohne Fenster. Alles, was von da an benötigt wurde, musste in das Kleinministerium eingeflogen werden.“. „Keine Türen und keine Fenster?“, wiederholte der Junge argwöhnisch.
„Natürlich“, rechtfertigte der Alte; „der Minister hatte solche Angst um sein Kind, dass er keinen anderen Ausweg sah, als diesen Befehl zu geben. Ein kleines Tor ließ er allerdings einbauen, ganz versteckt in einem Hinterhof, denn er war ein umsichtiger Mann und dachte dennoch an die Sicherheit des gesamten Kleinministeriums. Der Schlüssel dazu ging jedoch längst verloren und nur der Baumeister sowie der Minister selbst wussten von der Tür. Jedenfalls wuchs das Kind heran. Und alle Gaben der Frauen erfüllten sich. So wurde das Mädchen schön, sittsam, freundlich, verständig und jedem der sie sah wurde klar, dass sie einmal die beste Botschafterin des gesamten Landes werden würde. Zumindest wenn ihr der Minister und seine Ehefrau nicht immer verbieten würden das Kleinministerium zu verlassen.
Doch als sie 15 Jahre alt geworden war, mussten ihre Eltern für einige Tage verreisen. So stark sich der Minister auch gegen diese Reise sträubte, dieses Mal führte kein Weg vorbei. Da ergriff dessen Tochter die Gelegenheit und ging überall hin, blickte sich im Anwesen um und genoss die kurze Freiheit sich problemlos und ohne Begleitung jeden Winkel des Kleinministeriums anzuschauen. Auf den Flughafen konnte sie allerdings nicht, es war ihr noch immer verboten, zumal sie das Wachpersonal sofort erkannte und sie bat sich wieder umzudrehen. So schritt sie innen die Mauer ab und fand plötzlich eine alte Frau, die vor einem kleinen Mauervorsprung stand, indem ein unscheinbares Tor eingelassen war. Die Alte hatte sämtliches darüber gewuchertes Grünzeug beiseite geschafft und wollte gerade hinausgehen. Natürlich wurde das Mädchen neugierig und so fragte sie, was sie da mache.“. Sorgsam klopfte der Alte seine Pfeife aus.

„Nun ja, du kannst dir vorstellen, dass das Mädchen auch einmal einen Blick von der Landschaft außerhalb des Kleinministeriums erhaschen wollte und in dem Moment, als sie durch das Mauerwerk gehen wollte, fiel sie um und schlief tief und fest. Mit ihr schliefen auch der Minister und dessen Frau ein, kurz nachdem ihr Hubschrauber gelandet war, und sie sich eigentlich abschnallen wollten, sowie das gesamte Personal… Menschen und Tiere, alles schlief.“. Leicht vorgebeugt erzählt der Alte weiter, während es dem Jungen allmählich spürbar schläfrig wurde. Seine Lider wurden schwer, der Alte verschwamm vor seinem Blick und dessen Stimme entfernte sich immer weiter. Der Junge begann zu träumen, von einem aufbrechenden Mann in neuartiger Rüstung…
Als Sohn eines der anliegenden Kleinministerien sowie als Abenteurer höre er in einer Taverne die Geschichte der schlafenden Schönheit und machte sich fort auf die Reise. Von weiter konnte er schon die alles umgebene Mauer, sowie das dahinter hervorragenden Ministeriumsverwaltungsgebäude mit dem Fluglotsenturm erkennen. Es war ein warmer Sommerabend, aber die Erscheinung der Mauer ließ die Umgebung starr und kalt, wie zu bittersten Herbstnächten, wirken. Nach langer Fahrt konnte er nun endlich vor dem Mauerwerk halten. Die Nacht war schon hereingebrochen und er sah nur noch im Lichtkegel des Scheinwerfers.
Doch was er da sah, war schlimmer, als er es sich hätte ausdenken können. Überall standen die verrosteten, ausgebrannten oder umrankten Trümmer aller möglichen Fahrzeuge der letzten drei Generationen. Uralte Tanks neben hochmodernen Panzern. Klapprige motorisierte Kutschen gegenüber einst soliden robusten Geländefahrzeugen und vor einigen Metern fuhr er sogar an einem Katapult vorbei. Auch lagen überall Gegenstände sowie Waffen verstreut und all jene, die auf keine Warnung hören wollten. Sie lagen auf dem Boden und verheddert im Stacheldraht. Der Abenteurer stieg aus seinem Fahrzeug, schaltete den Scheinwerfer aus, damit er das Grauen nicht sehen musste, und überlegte wie er auf die andere Seite dieses Walls kommen könnte. Hindurch kam er nicht; also wäre der einfachste Weg der über das Mauerwerk. Er griff zur leistungsstärksten Handlampe und leuchtete die Mauer empor. Natürlich war er nicht der einzige gewesen, dem diese Idee in den Sinn kam und ab der oberen Hälfte bot sich ihm ein ähnlich ernüchterndes Bild. Reste von längst vergessenen Fesselballonarten hingen im Draht und aus ihren schräg kippenden Körben oder Kanzeln ragten noch die Reste der Ballonfahrer. Fallschirme, Flügel, Motoren und selbst ein Jetpack hatten sich dort oben verfangen. Als ob eine Macht jegliches Eindringen zu verhindern wusste und diese tapferen Männer ständig in den Draht navigierte.
Fast entmutigt sank er zurück auf den Fahrersitz und begann an seinem Talisman zu spielen, den er auf einer seiner unzähligen Expeditionen im Land gefunden hatte. Er erinnerte sich, dass der Standort jener Expedition sogar nur wenige Kilometer nördlich war. Dort fand er bei der Erforschung einer Höhle einen rostigen Schlüssel. Klein und unauffällig klebte dieser im Schlamm, umgeben von Felsgestein und Höhlenvegetation. Der Abenteurer hatte ihn behalten, da es ihn fast unbewusst zu dessen Fundort hingezogen hatte. Er hatte somit das Gefühl, geleitet worden zu sein. Da man den Schlüssel von selbst hätten niemals finden können. Er schaltete das Innenlicht an, zog den Schlüssel, den er seitdem immer um den Hals trug, hervor und ließ ihn grübelnd in den Händen kreisen. Es war kein gewöhnlicher Schlüssel, sondern ein raffiniert ausgearbeiteter Sicherheitsschlüssel mit einem eingravierten Spruch. Der Abenteuer hatte diesen erst nicht verstanden und fragte somit auf seinen Reisen unablässig jeden Antiquar, ob er denn etwas darüber wüsste. Nur einer erkannte die Worte, ein über hundert Jahre alter Mann, den er vor drei Jahren getroffen hatte. Es war, so sagte dieser, eine der alten Ministeriensprachen; ähnlich der heutigen Beamtensprache. Er hatte diese nur als ganz kleiner Junge gehört, dann wurde sie reformiert, komplett umgestaltet und vereinheitlicht, damit sie auch das gemeine Volk verstehen konnte. Der Abenteurer habe Glück, sagte der Antiquar, denn da diese Sprache genau einhundertundzwölf Jahre alt sei, wird es kaum noch jemanden geben der sie auf Anhieb so fehlerfrei lesen könne wie er.
„Der einfache ist nicht immer der direkte Weg.“, las der Abenteurer die Gravur und ihm kam schlagartig der rettende Gedanke, er startete sein Fahrzeug und fuhr mit fast durchdrehenden Reisen los. Er musste die Mauer umfahren. Je länger er fuhr, desto mehr war er sich sicher, die richtige Lösung gefunden zu haben, denn die Anzahl der Überreste seiner Vorgänger wurde immer geringer, bis nur noch das blanke Mauerwerk thronte. Die Mauer schien endlos, es er plötzlich auf die Bremse trat. Etwas war anders gewesen. Ein kleiner Schatten huschte am linken Scheinwerfer vorbei. Er legte den Rückwärtsgang ein, fuhr direkt neben den Schatten und leuchtete mit seiner Taschenlampe darauf. Hinter Wildwuchs verborgen, stand ein unscheinbares Tor.
Eine gerade knapp mannshohe gepanzerte Tür. Der Abenteurer sprang aus dem Wagen und begann eifrig das Gestrüpp zu entfernen. Er kratze das Moos von dem Stahl und fand endlich das Schlüsselloch. So etwas hatte er noch nie gesehen und ihm wurde bewusst, dass man es ohne den passenden Schlüssel niemals aufbekommen würde. „Den passenden Schlüssel? …Kann es sein…“, dachte er, fischte seinen Talisman hervor, steckte ihn vorsichtig in das Schlüsselloch und drehte ihn um. Ohne Widerstand sprang der Schließmechanismus auf und das Tor spaltete sich in zwei Torflügel, durch dessen Spalt ein starker Luftstrom pfiff. Geradeso, als müsse ein Vakuum hinter der Mauern ausgeglichen werden, bis die Torflügel im Mauerwerk verschwanden. Die Mauer ließ ihn wirklich passieren, vorsichtig ging er hindurch und schaute sich fasziniert um.

Es war alles still um ihn. Keine Stimmen, keine Vögel, keine Schritte, kein Wind, gar kein Geräusch, nirgends. Es war eine unheimliche Atmosphäre, so totenstill und allein durch das Mondlicht erleuchtet lag das Anwesen des Kleinministeriums in der Sommernacht. Sogar der Schnee, der damals vom Himmel viel, hing regungslos kristallin glitzernd in der Luft. Der Abendteurer ging zurück zu seinem Fahrzeug, kramte die Kopflampe, die er immer bei seinen Höhlenexpeditionen nutzte, aus dem Kofferraum, legte diese an und lief eilig durch die Mauer und über den großen Parkplatz. Direkt auf das Hauptgebäude des Kleinministeriums zu. Selbstverständlich war diesen Haupteingang verschlossen und natürlich passte sein Schlüssel nun nirgends mehr. Er schlich um das Gebäude, wischte sie ab und zu die Schneekristalle aus dem Gesicht und hielt geduldig nach einer Möglichkeit Ausschau, um vielleicht auch durch ein Fenster hineinkommen zu können. Durch einen Rundbogen gelangte er in eine Art kleinen engen Hinterhof. Vollgestellt von Mülltonnen und Holzkisten, stand dort endlich eine Tür einen Spalt weit offen.
In ihr lag ein weißgekleideter junger Mann und schlief tief und fest. Neben sich eine Schüssel mit Essensresten, die so aussahen, als wären sie erst vor einer Stunde von der Mittagstafel geräumt wurden. Der Abenteurer lugte hinein, es war die Küche, obwohl es eher wie ein Gemälde wirkte. Das Feuer auf der Kochzeile, wie man sie von Großküchen her kennt, verblieb regungslos unterhalb der Töpfe und Teflonpfannen stehen. Die Fliegen schliefen an der Wand und der Koch, der dem Küchenjungen gerade eine Ohrfeige geben wollte, schlief ebenfalls. Alles ruhte. Der Abenteurer ging weiter, von der Küche mündete ein langer Flur zur Vorratskammer, in der sich auch ein Stromkasten befand. Erleichtert sah er, dass dieser mit einigen Ticks und Kniffen wieder das ganze Gebäude mit Strom versorgen müsste, es sei denn, dass der elektrische Strom auch schlief. Er tat es und das Kleinministeriengebäude lag weiterhin im Dunkeln. So musste er sich weiterhin auf Kopf-und Taschenlampe sowie seine Intuition verlassen. Er ließ sich von seinem Orientierungsgefühl leiten und kam endlich zu der großen Empfangshalle, vor dessen verschlossenem Tor er vor ein bis zwei Stunden noch gestanden hatte. Von dort aus sieg er die, mit fast einhundert schlafenden Bediensteten und Angestellten überhäuften, Stufen hinauf und musste zusehen, dass er nicht aus Versehen auf jemanden trat. Von dort war es ein leichtes in den Regiersaal zu gelangen. In dem schliefen, wie nicht anders erwartet, dutzende Berater des Ministers und seiner Frau aber das Mädchen war nirgends zu finden.
Das Gebäude schien riesig, aber durch die Mucksmäuschenstille doch so klein und unbewohnt. Durch den Saal hindurch wurde der Prinz durch ein inneres Gefühl immer weiter getrieben, als ob er einer unterbewussten Ahnung folgte. Auch wenn das Licht, dass durch die beginnende Dämmerung durch die Fenster trat, ihn bei seiner Suche unterstützte, so bleib seine Suche trotz seiner Intuition erfolglos. Von sich enttäuscht wollte er zurück zu seinem Wagen und ging die riesige Treppe hinunter, durch die Küche hindurch und zurück in dem Innenhof. Der nun im hellen Schein der Morgensonne nicht mehr so klein und eng wirkte. Als er letztendlich wieder vor dem Tor stand, durch das er durch das Mauerwerk gelangen konnte, fiel sein Blick auf einen kleinen Anbau, den er in der Dunkelheit ganz übersehen hatte. Er ging auf diesen hinzu und je näher er der Tür kam, umso mehr glaubte er, endlich sein Ziel erreicht zu haben. Er öffnete die Tür und sah in einen kleinen Raum, in dessen Mitte ein schnell zusammengezimmertes Bett stand. Und in diesem Bett lag ein Mädchen. Endlich hatte er sie gefunden. Sie war so schön und sinnlich, dass der Abenteurer nicht anders konnte, als sich leicht über sie zu beugen und sie zu küssen…
Und auf einmal erwachte sie und mit ihr das ganze Kleinminsterium. Am nächsten Morgen erwachte der Junge. Er hatte gar nicht gemerkt, wie er eingeschlafen war. Der Alte war fort und durch das eingeschaltete Radio drang blechern die Nachricht, dass eine Ministertochter heiraten werde. Sie lernte ihren zukünftigen Gatten, einen Ministersohn und Abenteurer, auf ungewöhnliche Weise kennen. Und zwar erzählt man sich, dass dieser sie und das komplette Kleinminsterium aus einem 100jährigen Schlaf befreite. Weitere Kurzmeldungen. Die 13te Heilerin und Priesterin wird noch immer wegen Todesdrohung und Freiheitsberaubung im gesucht.

[Nach Gebr. Grimm, Januar 2009]

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