Definiere Luxus…

Photobucketefiniere Luxus. Materielle Dinge? Warum sollten diese Luxus sein? Auf die einen kann man sparen und die anderen sind von ihrer finanziellen Tragweite so utopisch, dass sie mich schon dadurch gar nicht mehr reizen. Für Diogenes war bereits ein Trinkkrug Luxus, den er beschämt aus seinem Leben bannte, als er sah, wie ein Junge mit den Händen trank. Dafür bat er einen recht prominenten Besucher seiner Tonne, der ihm einen Wunsch erfüllen wollte, doch bitte aus der Sonne zu treten. Mit anderen Worten, materielle Dinge haben vielleicht einen emotionalen Stellenwert, aber definitiv keine Luxusfunktion. Zumindest nicht in unserem Industrieland des allgemeinen Wohlstandes und ohne grundsätzliche Existenzängste.

Luxus ist es, sich über Mittag ohne Reue, ohne lästige Gedanken von Arbeitspflichterfüllung und Termindruck, ohne all das schlechte Gewissen also, Schlafen legen zu können.
Ohne Uhr, allein nach Gefühl. Um nach zwei bis drei Stunden von den vertrauten Geräuschen der Wohngegend geweckt werden. Welches in keinem negativen Kontext zu verstehen ist. Seitdem ich wieder am Ort meiner Kindheit lebe, sind diese altbekannten Außengeräusche zum Zeitfenster in längst vergangene Tage geworden. Sei es Land, Vorstadt oder Stadt. Alles besitzt seine typische Art der Akustik. Und auch wenn ich die Stille des Landes bevorzugte, so merkte ich mit meinen Wiedereinzug in die alte Heimat, wie wohlig melancholisch einen die verstraute Vorstadtstille werden lassen kann. Wenn man nichts hört als die Kirchenglocke, Vögel, den Wind und als Säule der Zivilisation die ferne unterschwellig rumorende Autobahn. Ab und zu noch ein Tinnitus, der früher an die vergangene Nacht neben Boxenanlagen erinnerte und heute stressbedingt ab und zu kurz »Hallo« sagt, und schon fühlt man sich wieder wie 14 oder 10, wenn es nicht im Gehörgang pfeift.

Das ist Luxus. Augenblick der geistigen Freiheit. Keine Gedanken im Kopf, die sich grundsätzlich gegen einen verbünden. Kein Bewusstsein für das Hier und Jetzt. Sondern sich einfach nur über die akustische Zeitmaschine auf die Aue der Vergangenheit treiben lassen.
Und sich fragen, warum man munter in dieses allzu menschliche System des Höher-Weiter-Schneller mit einstimmt. Warum man sich zwingen lässt, am Leistungsdruck teilzunehmen und sein Leben einem fiktiven Gut zu widmen. Man schuftet für eine finanzielle Belohnung, die man als Wiedergutmachung für die Schufterei ansieht. Ohne dabei zu verstehen, dass man die Belohnung ohne die Schufterei für die Belohnung gar nicht benötigt. Ein Paradoxem? Für sich genommen ja. Aber man will streben. Man muss streben. Wer nicht strebt, stagniert. Egal auf welcher Ebene, das ist der Gesellschaft egal. Stagnation bedeutet Unnutz. Behindert das Höher-Weiter-Schneller. Behindert den Leistungsgedanken, den einige als Lebensinhalt sehen. Was sie auch dürfen. Jeder darf streben; deshalb ist das Verb auch konjugierbar.
Aber es darf nicht jeder, der im Streben seine Selbstaufgabe als Frustfaktor ansieht, an der Gesellschaft dadurch Rache üben, dass er diesen Frust jedem aufhalsen will und somit das Streben zum Status Quo erhebt. Eine allzu menschliche Geste des sozialen Handelns. Mein Leid wird dadurch (gefühlt) gemindert, dass es anderen ebenso elend geht. Man strebt nicht, um sich denen über einen anzunähren, sondern um die Masse unter sich zu vergrößern.
Individueller Luxus führt zu Neid und Kontroverse. Ist es für den einen Luxus, wenige Stunden im Monat für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten und dafür bescheiden aber ungezwungener zu leben, wird dieses nicht gelten gelassen. Der Luxusgedanke wird zur Faulheit erklärt. Warum? Aus Neid? Aus der Einsicht, dass derjenige ausgeglichener lebt, als man selber, der nach einer 120qm Maisonettenwohnung, dem Zweitwagen, Flatscreenfernseher in Schrankwandbreite und BlueRay giert. Und sich einredet, die Leichtigkeit des Lebens nicht in der entspannten Freizeit zu finden, sondern sein existenzialistisches Unglück in jedem Elementarteilchen der Einraumwohnung, dem Fahrrad und Billyregal zu spüren.

Nicht der Gedanke der Selbstverwirklichung treibt das Zahnrad unseres Strebens an, sondern der Sozialneid. Die Frage, warum der eine so leben darf und man selber nicht. Die Frage, warum man selbst sieben Tage die Woche durchschnittlich zwölf Stunden täglich arbeitet, aber nur als Politiker damit auf gutbezahltes Mitleid hoffen darf. Oder warum man selbst gleichviel Verantwortung besitzt wie so mancher Spitzenmanager, aber weiß, dass diese beim Krawattebinden schon eine Summe verdienten, die man selbst als traumhaftes Tagesgehalt bezeichnet. Und sich dann mit Begriffen wie »leistungsgerechte Bezahlung« ohrfeigen lassen darf. Nehme man mal ein Jahreseinkommen von ca. 30.000.000 €. Was ja noch bescheiden ist, wenn man bedenkt, dass der Porscheflaggenträge Wiedeking 56.000.000 € ausgezahlt bekam. 30 Millionen als Stundenlohn, wenn man einmal großzügig von 12 Stunden Arbeit jedem Tag des Jahres ausgeht, so kommen rund 6.849 € pro Sunde zusammen. Nun kann mir auch niemand erzählen, dass diese im Schnitt jeden Tag 12 Stunden arbeiten. Aber selbst wenn, so wäre das ein Gehalt von 114,15 € pro Minute. 53 Sekunden am Hintern gekratzt und in der Nase gebohrt, ist bei diesen somit schon einen Hunderter wert. Ich würde für solche Handlungen nicht einmal müden Beifall abfassen. Womit wir wieder beim Sozialneid sind. Warum dürfen die das und ich nicht. Haben Spitzenmanager mehr Verantwortung? Sicherlich nicht mehr als ein Fernfahrer, Chirurg oder Busfahrer. Aber sie leiten ja große Konzerne, sitzen an der Spitze von Global Playern und dürfen sich an ihrem Aktienwert laben. Einer Zahl, deren Wert aus nichts mehr besteht, als die Summe ihrer Ziffern. Nichts greifbares, nichts das irgendeinen Wert vermitteln oder gar greifbar machen könnte, als das Geld, dass aus diesem fiktiven wie abstrakten Konstrukt gepresst werden kann. Da sehe ich mehr Wert in der Krankenschwester, die dafür sorgt, dass ich nicht auf der ITS hopsgehe, als im Marktwert der Allianz.

Aber man will ja dazugehören. Will die 120qm Maisonettenwohnung und das edle Bücherregal. Will das soziale Fundament, die Stellung in der Gesellschaft und die Freiheit der freien Zeitplanung. Umsonst ist nur der Tod und selbst das nur für einen persönlich. Von daher, auf zum 16-Stunden-Tag, damit man an dem wenigstens 114,15 € verdient. Was im Jahr immerhin rund 55.000 € ergeben würde. Wenn man sich der Illusion hingibt, konstante Wochenende haben zu können.

In diesem Sinne, Arbeit adelt »Kommt stellt die Maschinen an«
…oder in meinem Fall, den Computer am Arbeitsplatz.

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