Gothic Friday 2016 – Rorschach…

Freitag, zwanzig Uhr fünfundzwanzig. Und ich bin wieder zuhause angekommen. Vormittag Training, Nachmittag bis abends »Tag der offenen Tür«. Schüler motivieren, Interessenten herumführen und von aller Richtung Fragen beantworten. Heiter sein, ausgelassen, zuvorkommend. Funktioniert gut. Weil es funktionieren muss, man selbst funktionieren muss. Und ich mag meine Klassen. Da man innerhalb dieser von derart viel Leben umgeben ist, dass dieses in diesem Momenten ein Stück weit auch in einem selbst erklimmt.
Bis dann die Etage wieder dicht gemacht wird, man die Macs darauf kontrolliert, ob diese auch heruntergefahren wurden, das Licht löscht, die Türen verschließt und mit der Kapuze tief im Gesicht nach Hause schlürft. Seine Tür aufsperrt, das Licht einschaltet und den Rechner hochfährt. Der Vorteil davon, dass man nicht erwartet wird, ist, dass man wider sämtlicher Erwartung handeln kann.
Dass man eben nicht in den Feierabend geht. Sich auf das Sofa setzt und den Abend ausklingen lässt. Wie auch, dort liegt schließlich schon das Bettzeug. Nicht die erlauchte Gesellschaft genießt und das Wochenende einleitet. Wozu. Bin dafür ohnehin zu todmüde, auch wenn mich die nun mittlerweile halbleere Flasche zuckerfreies Energy angrinst. Und bin dafür zu aufgedreht, da ich den heutigen Tag zum »Cheatday« meiner momentanen Diät erklären musste. Aufgrund der Tatsache, dass ich in der Schule nur das essen konnte was es dort gab, und damit das Flüssigkeitslevel zu niedrig und den Kohlenhydratpegel jenseits von Gut und Böse gehalten habe.
Und somit sitze ich vor dem Rechner und frage mich nach dem Warum. Mache das, was ich schon auf der Rückfahrt tat, als ich hinten in der Tram, über den Haltestangen lungernd, ausdruckslos in die triste Nacht dieser Stadt starrte. Ich höre Musik…
 

 
Teil 1 – Vergangenheit
 
Denn die Musik ist es, die mich noch hier hält. Und ich meine nicht die Szene. Ist sie doch nichts, was das Leben schmückt, sondern was das Leben überhaupt noch ermöglicht. Das Chaos im Kopf bändigt. Es zu denen Bahnen bündelt, auf denen sich noch die Emotionen bewegen können.
Musik ist Flucht geworden. Definitiv. Vor allem vor mir und den Dämonen im Kopf. Den Vorhaltungen und Anschuldigungen. Dem unterbewussten Aufgeilen an den Fehlern des Lebenslaufs. Dieses zu übertönen ist auf keiner gedanklich verbalen Ebene möglich. Einzig das überdröhnen bewährte sich. Überdröhnen mit dementsprechenden Klangmustern. Somit geht mein Hang zur Musik bis in den Rausch. Man meinte herausgefunden zu haben, dass das hören, vornehmlich laute hören, von geschätzter Musik die gleiche Wirkung aufbaut wie ein allzu erfolgreicher Einwurf von Drogen. Ich möchte dieses nicht bestreiten, auch wenn mir der unmittelbare Vergleich fehlt. Doch eines weiß ich, Musik ist mein Trainings-Booster.

Musik ist ebenso Träger der Emotionen. Da jene das Destillat der Emotionen darstellt. Sei es die Stimme, der Text, generell das Klangbild. Nichts davon vermag es Sachlichkeit auszustrahlen. Musik ist Emotion, vor allem für mich. Droht mein Schädel vor Wut oder Hass zu explodieren, schreit es die Musik für mich heraus. Droht es mich zu zerreißen, heult es die Musik für mich gen Mond. Und bin ich allem so verdammt überdrüssig, erinnert sie mich daran, dass sie einzig das Privileg der Lebenden ist.
Die Töne rauschen nicht einfach an mir vorbei. Sei es in Clubs oder unter dem Kopfhörer. Die Gewalt der Lautstärke und der Präsens reißen mich mit. Reißt mich aus dem Moment, aus der momentanen Leere meines Selbst. Oder es unterstreicht dieses. Je nachdem; ich ordne mich dem unter. Lösche die Erwartung beim Hören jedes Mal auf´s neue. Und ständig entsteht ein neues Resultat. Eine neue Mixtur aus der Chemie des Klanges und meiner Verfassung. Immer anders und immer unvorhersehbar. Aber allzu oft ein Stückweit rettend.

Man kann sich dadurch neu erschaffen, sich aufbauen, zertrümmern oder einfach zum Neutrum zurück gleiten lassen. Beim Training gegen die eigene Leistungsgrenze anbrüllen. Den Kopf leeren, bevor dieser platzt oder man beginnt, sein Gesicht zu verlieren. Trost schöpfen oder sich der Trauer ergeben, um diese hinfortzuspülen.
Ich kritisiere an Musik allzu schonungslos. Aus dem einfachen Grund, weil ich mich ebenso schonungslos der Musik hingebe. Theatralisch könnte man sagen: Ein gegenseitiges Spiel von Gedeih und Verderb. Zumal ich ohne Musik auch all dieses unsägliche Geschwätz in meinem Umfeld ertragen müsste. Allein wenn ich mich abseits der Zivilisation bewege. Einzig auf meinem Weg bin. Nichts mehr als den seichten Wind höre, die Vögel, die gelassene Ruhe der Natur. Dann halte ich inne, nehme das bisschen Plastik und Technik aus dem Ohr und lausche in das, was schon so selten geworden ist, dass es allzu befremdlich wirkt: Das Ambiente der Natur.

Welcher Zusammenhang genau zwischen der Musik und meinem Einstieg besteht, nun der Text dazu befindet sich schon im alten Freitagslager. Denn ich wiederhole mich nur sehr ungern, beziehungsweise im Grunde nur noch gegen Bezahlung. Und da ich es einst 2011 allzu detailliert niederschrieb und auch seitdem in jedem noch so erfolglosen beziehungsmotiviertem Kennenlerngehabe wiederkäute… nehme man es mir nicht übel, aber ich bin es leid, dieses weiterhin in große Worte zu packen. Daher lest HIER selber nach oder blickt einfach auf die Versachlichung der Grafik.
 
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Zusammenfassend sei nur gesagt, dass ich über die Jahre verschiedene Genre kennenlernte. Ich will mich hierbei aber auch nicht um die exakte Nischendefinition der Musikrichtung streiten; wem dahingehend so langweilig ist, der lasse seinen dahingehenden Spieltrieb gefälligst woanders aus. Auch stehen die Bänds nicht als Alleinstellungsmerkmal im Raum, abgesehen von Feindflug und Kirlian Camera, sie sind eher meine Gallionsfiguren jener Sparte.
 
Teil 2 – Die Tiefe
 
Musik ist das Fenster in die Vergangenheit. Musik vermag es, Momente mit sich zu verknüpfen. Einschlägige Musik, die innerhalb eines bestimmten Zeitabschnitts vermehrt gespielt wurde, verbindet sich mit dem Damals. Sei es Momente der Freude oder des Schmerzes gewesen. Momente des Wandels oder des Bruchs.
Selbst Jahre später transportiert einen dieser eine Titel oder gar das komplette Album zurück in die jeweilige Situation. Man sieht sich von damals vor dem inneren Augen. Erinnert sich an das Gefühl, die Empfindung, den Geruch. An die Eindrücke und die Wahrnehmung. Spürt erneut die damalige Wärme oder Kälte auf der Haut und fühlt sich zurückkatapultiert in jene einschneidende Momentaufnahme. Die nie vergessen gehen kann, nie an Intensität verlieren. Zumindest solange diese Musik existiert.

Viele Stücke sind Zeitfenster. Sehr viele, fast schon zu viele. Und das faszinierende ist, man kann diese nicht mit neuen Erinnerungen überspielen. Selbst wenn man es versucht. Bewusst versucht. So ist dieses definitiv zum Scheitern verurteilt. Selbst wenn man merkt, dass man diesen einen Titel trotz seiner »Vorbelastung« unbewusst innerhalb eines neuen Lebensabschnittes wieder und wieder von neuem hörte… es funktioniert nicht. Die Erinnerung bleibt was sie war, bleibt wie sie gewesen war. Vielleicht kennt man es von früher, wenn man den Schreibschutz aus den Kassetten, Tapes im jedoch auch schon wieder veralteten Jugendchargon, gebrochen hatte. Damals half Panzerband. Doch bei Musik…

Die musikalischen Zeitfenster, die sich offenkundig in meine Erinnerung gegraben haben, und nicht erst wieder auftauchen, nachdem ich wieder dieses Lied ausgrub, sind allzu skurril. Oft genug Titel von Interpreten, die ich nur als Randerscheinung höre, bzw. nur kurzzeitig gehört hatte. Und die mir entweder nichts mehr geben oder die ich von der momentanen Gesinnung her absolut nicht mehr ernst nehmen kann. Und doch sind sie ernst zu nehmende Zeitmaschinen.
Und diese klingen nicht einmal in die bloße Erinnerung hinein und tragen mich zurück. Mitnichten. Diese projizieren das Damals auf fast schon theatralische Weise mit sämtlichen damaligen Gedanken und Emotionen. Ich spüre in den Momenten den Winter oder den Sommer auf meiner Haut. Rieche den längst vergangen Moment, höre und erblicke in aller Deutlichkeit. Nicht eingefroren, sondern so derart authentisch, so lebendig, dass es mir schwer fällt, manche Alben wieder hervorzukramen. Denn selbst wenn mit diesen die damaligen Träume einhergehen, jetzt sind all diese längst gestorben. Nicht begraben, sodass man in stiller Melancholie heilsam um diese trauern kann. Nein. Deren Kadavern liegen noch hinter mir. Verfaulen Tag für Tag ohne Unterlass. Sodass mir bei jedem Blick zurück der faulig beißende Gestank des Versagens in den Schädel steigt. Und ich Mühe habe nicht daran zu ersticken.
 
Umbra et Imago – Album Machina Mundi

 photo Guldhan_zpsnv24nyh9.jpgMan kann über Umbra beziehungsweise Mozart sagen was man will. Und in den meisten Fällen werde ich dem auch zustimmen. Doch Fakt ist, dessen Partys damals in der Kulturruine hatte schon was. Und das Stück »Milch« gehört für mich unangefochten auf obersten Platz allen erotischen Liedguts, das mir jemals untergekommen war. Da es auf eine Weise Plumpheit mit Romantik kreuzt, die es als Gesamtwerk einfach nur allzu authentisch wirken lässt. Und derartiges gelingt weder Die Form noch Ordo Rosarius Equilibrio, denn diese sind in ihrem Wesen einfach zu stilvoll.
Zudem wirft mich das Album zurück. Bringt mich in mein ausladendes Zimmer in der ersten WG. Damals in der hiesigen Altstadt, meiner Geburtsstadt, hier in Thüringen. Und nicht nur, dass diese Maisonettenwohnung ein komplett neues Kapitel aufgeschlagen hatte, sie war auch der Innbegriff der ersten wirklich gelebten Freiheit. Ich besaß meinen Führerschein und Facharbeiterbrief. Hatte zuvor um die 15kg abgespeckt, trat meinen Zivildienst auf der ITS an und begann zu leben. Mich selbst zu erkennen. Mich selbst wohlwollend wahrzunehmen und mich erstmals auch vom anderen Geschlecht wahrnehmen zu lassen. Und damit ein Hoch auf die körperliche Oberflächlichkeit. Womöglich klingt es zu selbstmitleidig, wenn ich erwähne, dass dieses die erste und vorletzte Epoche ehrlicher Leichtigkeit und Unbeschwertheit gewesen war. Zumindest über´m Strich.

Und dieses gibt mir jenes Album noch heute. Noch heute sitze ich wieder in dem vollgeramschten Zimmer, auf dem Balkon, in der Essküche oder sonst in der Wohnung. Im Spätherbst. Hinter mir die Fenster, durch dessen Metalljalousien ich die erleuchteten Räume der gegenüberliegenden Straßenseite blicken könnte. Im Hintergrund das abendliche Treiben der schmalen Straßen. Noch immer erleuchtet einzig die Lavalampe das Zimmer und ich rieche die Pizza-Kartons und das Stiefelfett. Und fühle die Freiheit, einfach verreisen zu können, zu tun und zu lassen wie es mir beliebte. Ohne auch nur eine Silbe über das Was und das Warum verlieren zu müssen. Gehalt oder Sold kamen pünktlich und ausreichend. Clubnächte über Clubnächte waren Normalität. Das Treffen von Mädels. Das Erkunden neuer Bahnhöfe, in denen man nach den Festivals oder Konzerten pennte. Neuer Städte, neuer Körper, neuer Betten. Das Ego am Anschlag und ebenso der Sturm und Drang in die Zukunft. Die goldenen jungen Zwanziger.

 
Das Ich – Garten Eden

 photo IMG_4651_x_zpsjf5xp2hk.jpgNordrhein-Westfalen. Sieben Jahre später. Von Hessen war ich dorthin übergesiedelt. Folgte meiner damaligen Partnerin, um in Bochum das Studium der Germanistik und Philosophie anzutreten. Ein Studium braucht eine Basis, ein Fundament, das es trägt. Zumindest für mich. Und dass ich diese Basis selbst schon zum Zeitpunkt der Immatrikulation nicht mehr besessen hatte, sollte mir erst Jahre später bewusst werden. Doch damals startete es gut. Fast schon euphorisch. Irgendwie. Denn, scheiße man, ich war Student. Jedoch hielt diese Begeisterung einzig bis zu den Prüfungen an. Ich dachte, ich hätte mich reingehangen, aber eine Prüfung nach der anderen wurde in den Sand gesetzt. Einzig in den mündlichen Geschichten kam ich durch und bekam meine Scheine.
Je mehr die Harmonie der damaligen Beziehung einer unangenehmen Mischung aus Gewohnheit und unterschwelliger Anklage gewichen war, desto weniger investierte ich ins Studium. Blieb Vorlesungen fern. Flüchtete mich ins Zocken und war mir selbst nur noch zu viel. Und allen anderen womöglich auch. Semester für Semester schleppte ich mich durch. Hielt mich noch für einen Studenten, obwohl ich nur noch ein Haufen aus Frust und Unwillen gewesen war. Schmiss den Nebenjob und wurde eher ein schlechter Witz als ein aufstrebender Verfolger von Seminaren und Vorlesungen. Eine Erkenntnis, die in dem Moment hervorbrach, als ich im Sekretariat stand und die Bestätigung meiner Exmatrikulation entgegennahm. Die Hoffnung, die man bis dato noch als Schutzschild vor die Realität gehalten hatte, wurde nun von dieser zertrümmert. Und nichts ist beschissener, als wenn man sich vom Proletariat hocharbeitete, um dann verstehen zu müssen, dass man seine Wurzeln nicht leugnen kann.
Mit dem verlorenen Studium verlor ich mich vollends selbst. Der Gedanke des Versagens brannte sich so tief in meine Stirn, dass es sämtliches rationale Handeln in Asche verwandelte. Ich wurde apathisch, lethargisch, ein Schatten meiner selbst. Womit wenig später die Beziehung komplett zerbrach und mit ihr sämtliches bis dahin aufgebaute und aufgeopferte Leben.
Ich flüchtete mich an den alten Schreibtisch im Keller, schlief auf dem Sofa im Gästezimmer, das Stück, das noch heute mein »Bett« darstellt. Hörte Hörspiele und graulte monoton meinen Hund, der mir damals kaum mehr von der Seite wich. Mit dem kleinen Drecksack von einem Pansenfresser spazieren zu gehen, das war das einzige, was ich noch auf die Reihe brachte. Es war schon lange klar, dass ich in dem Leben nichts mehr verloren hatte, bevor ich meinen Krempel zusammensuchte und zurück nach Thüringen ging.
Aber in der Zeit, in der ich diesem Energiebündel an der Leine hinterhertrottete, hörte ich unentwegt diesen Titel und zischte oder jaulte den Refrain in den scharfen Januarwind. Und sehe das Szenario auch heute noch vor mir. Die kalten Nächte, die kühlen Tage. Den Wind und den morschen holzigen Geruch des Waldrandes oder des Weges den Bachlauf entlang. Und immer dieses überdrehte Kraftpaket neben mir, das wie ein Wiesel von Duftmarke zu Duftmarke jagte.
Den alten klammen Dunst des Treppenhauses, wenn wir wieder zurückkamen. Der Gang ins Wohnzimmer, der metallene Schreibtisch vor der ausladenden Bücherwand. Das leise Surren des Rechners. Die Fremde, die man zuhause nannte. Und das Gefühl, alles verloren zu haben, einschließlich sich selbst. Und nicht zu wissen, was da kommen soll.
Und die Endgültigkeit, den Wohnungsschlüssel neben die Tastatur zu legen. Den letzten Jahren Nimmerwiedersehen zu sagen. Innezuhalten und sich noch einmal in dem Raum umzublicken. In dem man alleine gestanden hatte. Niemand anderes war da gewesen. Bis auf den Hund, der vor einem stand und einen erwartungsvoll ansah. Unsicher mit dem Schwanz wedelte. Und zu dem man sich noch einmal niederkniete. Über den Kopf streichelte und um die ganzen Male um Verzeihung bat, an denen man ihn, in der Überforderung mit sich selbst, einfach nur lauthals angebrüllt hatte. Sich erhob, zur Tür ging, hinter sich noch das nervöse Klacken der Krallen auf dem Laminat hörte. Die Tür hinter sich schloss, die Treppen hinunter und zum Auto ging. Und wusste, am nächsten Morgen wird man gut 450km davon entfernt sein, als wäre dieses nie gewesen.


 
Goth Minister – Wish

 photo PICT0245 Kopie_zpsaprj0a6i.jpgGanz ungezwungen wurde mir von einer das Album Gothic Electronic Anthems empfohlen. Ich war nun schon wieder ein viertel Jahr Thüringer und war soweit, dass ich mich allmählich wieder von dem Boden, auf dem ich aufgeschlagen war, erhoben hatte. Mehr als der Zufall wollte es, dass ich ein Mädel kennenlernte. Eine, die ich eigentlich gar nicht kennenlernen wollte, da ich bis auf die erste Begegnung nichts von ihr wusste. Da wir uns auch nicht verabredet hatte; ist eine lange Geschichte. Ich wartete auf jemand anderes, sah sie allerdings von Weiten und dachte nur »Wow«. Sie bog ab, kam jedoch wenig später wieder in meine Richtung gelaufen, direkt auf mich zu, stoppte und stellte sich mir ganz ungeniert vor. Sie war die Begleitung meines eigentlichen Treffens gewesen. Und wenn es einen verdammten Gott geben sollte, dann hatte sich dieser in diesem Moment offenbart. Und wenn es einen gottverdammten Teufel gibt, dann offenbart sich dieser seitdem…
Dieses Mädel war ein paar Wochen später auf dem Sofa in meinem damaligen »Arbeitszimmer« eingeschlafen. Und ich muss gestehen, dass es nichts schöneres auf der Welt gibt, als die Zuwendung begehrter Weiblichkeit, die soviel Nähe empfindet, dass sie bei einem einschläft. Somit deckte ich sie vorsichtig zu und tat einen Teufel, sie zu wecken. Eigentlich wollte sie abends wieder zu Hause sein. Doch daraus sollte nun erst vier Uhr morgens werden. Ich jedoch schlief nicht. Zum einen, da auf dem Sofa nur Platz für eine Person gewesen war. Egal wie schmal man sich machte. Zum anderen weil ich sie die ganze Nacht über einfach nur beobachtete. Und in diesem Moment mein Glück kaum fassen konnte. Die Frage des ersten Kusses stellte sich nicht mehr, auch das Hoffen und Buhlen um ihre Gunst war jüngste Geschichte. Sie war hier als meine Gefährtin und ich war ihr Gefährte. Nein, sie war mein Engel. Und es mag wohl kitschig klingen, und auch ich begegne solchen Thesen nun nur noch mit dem, was diese verdienen: Zynismus, doch manchmal ist es wirklich tiefe, ehrliche und fast schon blindwütige Liebe. Und so beobachtete ich sie. Als wenn der Moment stillstehen würde, obwohl er am heutigen Tag gut neun Jahre zählt. Es war Frühling gewesen und die kühle Luft, die durch das Fenster drang, besaß schon nicht mehr die derbe Aufdringlichkeit der vorhergehenden Wochen. Und auch wenn der Monitor nur schemenhaft ihr Gesicht ausleuchtete, so verlor ich mich dennoch in ihrem Antlitz. In dem Atmen, der leicht geöffneten Lippen, der sachte ihre festen Brüste hob und senkte. Den Duft ihrer Haare. In das unbewussten Drehen und weiter einwühlen in die Decke. Die Zeit schien stillzustehen und doch raste sie von dannen. Gegen vier Uhr morgens weckte ich sie. Fuhr sie nach Hause und kam nach gut einer Stunde wieder bei mir an. Und da beginnt der eigentliche Knüpfpunkt. Ich fuhr erneut den Rechner hoch, denn schlafen konnte ich nicht; wollte ich nicht. Starte das Album, starte die damalige Uralt-Version meines Prä-Photoshop-Programms und bastelte bis zum Nachmittag an der ersten wirklich überzeugenden Digitalcollage, die in mir eine Begeisterung wecken sollte, die den Katalysator für den neuen Lebensweg darstellen sollte. Und in den Stunden kam ich einzig zum Titel 10, »Wish«, der ab da in Endlosschleife lief. Erst hinterlegt von den Vögeln des Morgens, dann vom Treiben des Vormittags, später von der Ruhe des Nachmittags.

Jedoch, nichts hält für die Ewigkeit und auch Glück ist allzu temporär. Und damit einzig eine gottverdammte Illusion. Nach wenigen Jahren zerbrach auch dieses Wir wortlos. Und riss damit das nächste Teil von mir in den Abgrund. Das Vertrauen, nach dem erfolgreichen Design-Studium, in eine Perspektive, war zerfallen. Der Berg der Absagen wuchs und die Trennung fraß zwei Monate weg. Eine Zeit, in der ich nur auf dem Sofa verbrachte. Schlafend oder im Dämmerzustand. Das bisschen, was ich aß nur mit Mühe inne behalten konnte. Eine DVD im Spieler immer und immer wieder startete; nur damit überhaupt etwas für Ablenkung sorgte. Nur für einen Tag aller paar Wochen aufstand, um zu dem Dienst zu trotten, den ich kurz zuvor antreten konnte, um überhaupt ein paar Euro im Monat zu erhalten. Und damit auf einen Körperfettwert zusammensackte, auf den ich heute stolz wäre. Doch das war 2011 und das ist auch mit keiner Musik verknüpft, sondern eben mit dem Film, der in Endlosschleife lief.
 
Dernière Volonté – Commémoration 1 /En Avant

 photo Tor 1_zpsd53tyfvc.jpgFrühjahr 2009. Sachsen. Jede Musik braucht ihre Zeit. Diese war für mich jene des Neofolks. Vor wenigen Jahren in NRW von meinem Bruder empfohlen bekommen, winkte ich dieses Geschnulze erst einmal pauschal ab. Gitarreklimpernde trällernde Kitschpoeten waren das letzte, was ich zu brauchen glaubte. Wenig später jedoch sollte es genau der Nerv der Zeit werden. Beginnend mit :Of the wand and the moon: und Triarii, den Bands, denen ich bis heute noch die Treue halte. Und ja, Triarii ist nicht wirklich Neofolk. Erstaunlicher Weise stellte jedoch nicht Kim Larsen den Titel, sondern ein französischer Chansonnier.
Es ist morgens. Frühmorgens. Viertel vor Sechs. Mein Kopf liegt schwer an der Gummierung des Fensters von dem Schienenbus, der zwischen meiner Geburtsstadt und Leipzig pendelt. An der Außenseite der Scheibe klebt noch der Frost der letzten Nacht und in ihr spiegelt sich einzig das Innenleben des Abteiles. Ich bin umgeben von den ewig gleichen Pendlern. Und selbst im ewig gleichen Trott. Eigentlich müsste ich schlafen, da ich die Nächte kaum schlief. Schlaf war unproduktiv. Und oft tat ich das auch. Der Vorteil, wenn man einen Sackbahnhof ansteuert, ist, dass man die Haltestelle nicht verschlafen kann. Auch nicht aufgrund der inneren Uhr. Aber geschlafen wurde nicht. Stattdessen durchzog eine Erkenntnis mein Denken, die ich lange nicht mehr gekannt hatte und auch nun schon längst wieder vergessen haben sollte. Nämlich diese, dass das Leben schön ist. Lebenswert. Ich hatte ein Weibchen an meiner Seite. Eines, mit dem man nur angeben konnte, ob man wollte oder nicht. Und wenn auch nur als Wochenendbeziehung, aber was soll´s. Man zog durch die Clubs. Alberte an der WII herum oder mit selbstgemachten Trümmern von Pizza. Ich hatte ein Studium, in dem ich aufblühte sowie die Blamage von Bochum wieder gut machen konnte. Kommilitonen, in dessen Gegenwart man sich wohl fühlte. War finanziell zumindest abgesichert, was als Student schonmal viel wert ist. Und schaute in dem Moment der Dämmerung entgegen, hört zum ersten mal richtig in das neu entdeckte Album hinein und war selig. Spürte den Einklang mit mir und der Welt. Etwas, dessen Fragment heute noch innerhalb von Melancholie übrig geblieben ist. Und dem Sitzen im Wagon, in Richtung Leipzig. Zumindest, wenn ich die Augen schließe.

Derartige Verknüpfungen könnte ich noch stundenlang fortführen. Die einen mit Brüchen, die anderen mit dem Aufbruch. Und selbst wenn letzteres ebenfalls in Brüchen endete, so ist dieses doch für den Moment wert erinnert zu werden. Da diese zumeist mit der Weiblichkeit einhergehen. Für alljene, die mir entweder eine Nacht oder einen Abend schenkten. Nicht aufgrund von dahingehender Verabredung. Nicht aufgrund dessen, dass man ohnehin schon diese Erwartung hatte und dieses nur mit minimaler Spannung auch auslebte.
Sondern alljene, die dem ganzen noch den Reiz des unerwarteten gaben. Welche den Inhalt der Leidenschaft nicht nur auf die Sache richteten, sondern auf einen als Person. Die noch spielten und erkundeten. Und nichts reizt mehr, als wenn das unerwartete plötzlich in feurige Erwartung umschlägt. Wenn man beginnt mehr und mehr warme Haut zu spüren und weiß, dass man einmal wieder leben darf. Und war dieses auch nie von Dauer. Wurde man trotz des entflammten Wir dann weggestoßen oder musste selbst ein Wir dementieren, so besitzt doch jeder dieser Momente für mich den Titel aus der unmittelbaren Nähe.
 
Teil 3 – Das Hier und Jetzt
 
Die ewigen Stücke existieren durchaus. Titel wie beispielsweise die Zusammenarbeit von Dirk Ivens und Plastic Noise Experience zur netten Live-Variante von »Moving Hands«. Oder Das Ichs »Gottes Tod«, dessen angenehm kratzige Nietzsche-Version wohl in die Ewigkeit eingehen wird. Und sollte ich im Alter verrotten und dabei nur noch einen Finger bewegen können, so wird dieses dann dennoch noch immer durch die Flure des Heimes oder der Intensivstation dröhnen. Oder unter der Brücke hinweg.
Jedoch möchte ich jetzt nicht grundlos sämtliche Titel auflisten, denen ich bewiesener Maßen nie müde werde, sondern die Zeit eher jenen Bands widmen, denen es trotz Stilwandel gelang, mich über Jahre hinweg bei Laune zu halten. Anstatt mich irgendwann ungläubig mit dem jüngsten Album und jeder Menge Fragen stehen zu lassen…
 
Das Ich. Was so sinnentladen als »Neue deutsche Todeskunst« der kategorischen Lächerlichkeit preisgegeben wird und mir seit jeher die Frage aufdrängt, was denn dann die alte deutsche Todeskunst gewesen sein mochte. Zumal, wenn andere maßlos überschätzte Schlageraffen, wie einst Illuminate oder das nie todzukriegende Lacrimöschen, in ebengleiche Sparte geworfen werden, dann kann ich diese Kategorie noch weniger ernst nehmen.
Doch egal, nach Goethes Erben, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr anrührte, und Sopor Aeternus, welches ohnehin nur sporadisch gehört wird, ist Das Ich das musikalische Urgestein meinerseits, das vom Tag 1 bis zum Tag X in meinen Playlists liegt. Denn auch wenn diese stellenweise dazu neigten, meine Toleranz durch unangebrachte Techno-Soundkulissen zu strapazieren, so ist es doch dem Wesen der Band zu verdanken, dass ich denen bis heute die Treue halte. Vielleicht liegt es auch nur in der Figur des Stefan Ackermann, dessen Bühnenpräsens ich seit jeher feiere und dessen metaphorisch überladene Textgewalt in mir die Leidenschaft zur deutschen Sprache weckte. Vor allem, da er sich nun wieder von den Totgeglaubten erheben konnte.
Neben Oswald Henke. Zugegeben, beide dienten der Erweiterung meines Sprachschatzes mehr als jeder Deutschlehrer.
Auch wenn der Konsum von Das Ich eine langjährige Pause erfahren sollte. Warum, das kann ich nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch um die Renaissance während meines Zivildienstes. Einer der Stationsärztinnen, eine faszinierend abgeklärte Frau, gelang es zunehmend mich in Gespräche zu verwickeln, wenn man sich in den ruhigen Minuten des Spätdienstes im Aufenthaltsraum über den Weg lief. Irgendwann stellte sich heraus, dass sie große Lieberhaberin der Lyrik Benns gewesen war. Ich, damals noch ohne Abitur und groß tiefentaugliches Wissen über den Expressionismus, stimmte mit meinem Halbwissen mit ein. Entschloss mich, zu Hause angekommen, jedoch, das alte Album Morgue herauszukramen und nach sehr langer Zeit noch einmal hineinzuhören. Dies war der Moment gewesen, der Das Ich aus der Vergangenheit in die fortwährende Gegenwart bringen sollte.

 
Project Pitchfork. Auch wenn ich das Schaffen dieser Band ab der zweiten Hälfte der Chakra:red aus Gewissensgründen verweigeree, und damals nach dem Blind-Kauf der Steelrose-Maxi an einen schlechten Witz glaubte (Die CD vor Ende des Stückes wieder auswerfen ließ, kurzer Hand duch den Raum schmiss und die ebenfalls gekaufte Schlaf von Calva Y Nada einlegte), so wüsste ich nicht, dass ich den vorhergehenden Alben jemals überdrüssig geworden wäre. Und der Scheiß lief bei mir so oft rauf und runter, dass es mich nicht wundern würde, wenn die CDs mittlerweile nur noch halb so tief wären. Selbst »Souls« der Clubhit, der heutzutage nur noch Erbrechen hervorruft oder einzig noch die schmerzunempfindlichsten Sentimentalisten auf die Fläche treibt, gefällt mir noch immer. Zumal ich mit dieser Band Englisch lernte. Nicht nur, weil alles im perfektem Schulenglisch verfasst wurde, sondern weil es mich auch generell interessierte, was neben der Musik überhaupt von sich gegebe wird. Vor allem von denen. Wenn ich mich recht erinnere, so war Pitchfork auch der Virus gewesen, der den damaligen Freundeskreis infizierte. Und auch wenn jeder bald seine eigene Sparte innerhalb der schwarzen Meute gefunden hatte, so diente es noch immer als kleinster gemeinsamer Nenner.

 
Feindflug. Zugegeben, die Zeiten, in denen ich auf ein neues Album wartete, sind definitiv vorbei. Dennoch waren oder sind Feindflug noch die Combo, der ich kompromisslos die Treue halte. Feindflug ist eben Feindflug und blieb mit jedem Album Feindflug. Und da ich beim momentanen Status Quo nicht wüsste, was ich bei deren Titeln differenzieren müsste, wäre es auch die einzige Band, von denen ich mir ein Tattoo vorstellen könnte. Doch derartiges wirklich nur, wenn sie offiziell der Vergangenheit angehören. Zumal sich mit Feindflug auch recht gut argumentieren lässt. Hinsichtlich Stil und Paramilitarismus in der Musik. Man nehme diese Combo, nehme diesen Bovist von Nachtmahr und fertig.

 
Kirlian Camera. Mit der Sammlung The Ice Curtain war ich mir der Großartigkeit der Italiener bewusst. Jedoch betrachtete ich das viele Jahre hinweg allzu losgelöst von deren Gesamtwerk. Ein Denken, dass sich erst elf Jahre später ändern sollte und mich dazu brachte, die gesamte Bandgeschichte aufzuarbeiten. Womit Kirlian Camera, rückblickend, die für mich wohl wandlungsfähigste Band in meinem Arsenal darstellt. Vor allem ohne mich zu enttäuschen. Klar gibt es Kritiker. Doch ich mag deren alte depressive Klangexperimente ebenso wie deren melancholischen Neofolk, wie deren Elektro-Pop und nun… ja, Rock-Pop-Irgendwas. Kirlian Camera halt. Man kann denen nicht müde werden, da sie innerhalb der dreißig Jahre derartig viel Stimmungen bedienen, sodass man immer fündig wird. Zudem, ich verehre einfach deren Ausstrahlung. Deren »Corporate Identity«. Und gebe der Wiederentdeckung und damit eigentlich erst verbundenen Wertschätzung dieser Band, ab der Odyssey Europa, die »Schuld«, dass der jahrzehntelange paramilitärische Kleidungsstil meinerseits, zum großen Teil militärisch authentischer wurde. Aus den Szeneledertretern wurden Armystiefel. Die Sonnenbrille war zur Fliegerbrille geworden und die Shirts zu Schwarzhemden.

 
Alle anderen von mir geschätzten Interpreten sind für mich noch zu neu, um diese wirklich zu den ewigen Klassikern zählen zu können. Da diese für mich schon mindestens 15 bis 20 Jahre der Dauerbeschallung innehaben sollten.
Zum Thema Totgespielt… ironischer Weise gab es so einige, die ich eine Zeitlang nicht mehr hören konnte, da diese im damaligen Stammclub ständig gelaufen waren. Eclipse, Bunkertor 7, Souls, See you in hell… und so weiter. Damals um die Jahrtausendwende. Heute würde ich den DJs auf Knien danken, wenn sie anstelle des hiesigen Proll-Elektros mal wieder diese alten Stücke entstauben würden. Denn wann habe ich mal irgendwelche sakralen Klänge von Kirlian Camera durch Clubboxen vibrieren gehört. Keine Ahnung. Oder Stücke aus meiner Teenager-Zeit und nicht aus der Zeit deren, die es nun gerade einmal zum 21ten Jahr gebracht haben. Zumal ich erst jetzt wieder allmählich anfange, mich in den Clubs zu fangen und aufzutauen. Daher bin ich über alles froh, was mich nicht ankotzt und wenn es fünfzehnmal »Save me« von Suicide Commando wäre. Scheißegal.
 
Zu den Top 5… Genreübergreifend? Ich behaupte einmal ganz dreist, dass diejenigen, denen das leicht fällt, einen Witz an musikalischer Leidenschaft besitzen. Bezogen auf Genre würde mir das sicherlich so gelingen, dass ich mit der Auswahl im Einklang wäre, aber so… ich beschränke mich. Thematisiere es als die Top 5 zweier Intensionen. Zudem erachte ich es auch nicht als chronologisch wertend. Denn generell oder pauschal… keine Chance, dafür gibt es der Musik zuviel.
 
Top 5 »Club-Kracher«
 
:wumpscut: – Dying Culture
Zugegeben, mein »Hast du Angst vor Verletzungen, dann gehe mir aus der Bahn« -Titel Nummer 1

In This Moment – Big Bad Wolf
Ehrlich gesagt… ich hoffe für andere, dass dieses nie in einem Club gespielt werden wird, in dem ich entweder miese oder gute Laune habe.

DIVE – Machinegun Baby
Platz 2 der »Mach Platz oder ich trampel dich um« -Stücke. Und ich hasse es wie die Pest, dabei auf Hämpflinge Acht geben zu müssen, die nur präsig beim Beinchen-Heb-dich-Spiel auf der Stelle tänzeln. Und ja, letztens wurde der auf Wunsch mal wieder gespielt. Und kaum einen hatte es interessiert. Gut so, da hat man Platz. Doch wenn diese dann zu Steinkind oder Agonoize wieder reihenweise einfallen wie die Heuschrecken, dann denkt man sich nur »Fickt euch doch«

Feindflug – Stukas im Visier
Der jüngste Klassiker unter den alten Klassikern. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Sonar – Mainframe
Knusperbässe, wer diese nicht schätzt, braucht hier erst gar nicht dumm herum zu kommentieren.

 
Top 5 »Seelenfresser«
 
Nachtrag:
Um diese nicht unkommentiert zu lassen. Es gibt in meiner Sammlung allzu viele Titel die Laune machen. Die einfach energisch oder aggressiv daherkommen. Oder von ihrer Beschaffenheit her einfach eloquente Hintergrundmusik für diverse Schreibtischarbeit bieten.
Doch ich habe auch Alben im Giftschrank. Wie beispielsweise The Ice Curtain, den Soundtrack von Blade Runner oder eben jene Alben von Der Blaue Reiter. Sowie diverse verstreute Titel.
Warum? Weil mich diese zertrümmern. Genau in Wunden zielen sowie Erinnerungen von der Kette lassen, denen ich noch immer nicht gewachsen bin.
Und die somit in den wirklich finstersten Momenten liefen, bzw. laufen. Momenten an der Schwelle jeglicher destruktiver Negativemotion. Mehr sei dazu jedoch nicht gesagt.
Fakt ist, diese Alben haben für mich etwas Giftiges. Da diese je nach Dosierung entweder lindern, sedieren, abtöten oder gänzlich zerstörerisch sind.
 
Kirlian Camera – Ascension

Der Blaue Reiter – Regret

The Garden Of Delight – colors out of space

Vangelis – Rachels Song

Tenhi – Kielo

 
Flop 5… hier könnte ich jene Interpreten angeben, deren Fortbestand und damit einhergehender Stilwandel merklich enttäuschte. Interpreten, die ich einst hoch lobte, und nun kaum mehr privat Bandshirts von denen trage.
 
Oomph! – Aller BRAVO-BÖSTU-GIRL-Scheißdreck ab der Plastik
:wumpscut: – All dieser Retorten-Pöbel-Elektro ab/mit der Böses Junges Fleisch
Project Pitchfork – All der uninspirierte Einheitsbrei nach der Alpha Omega
Suicide Commando – All der sterile Tekker-Schwiegermutterschreck ab der Mindstrip
Leæther Strip – Alles, was mir die Begeisterung für dessen Rückkehr raubt. Quasi so gut wie alles nach der Serenade for the Dead. Und ja, um diese Band tut es mir leid…

10 Gedanken zu „Gothic Friday 2016 – Rorschach…

  1. Vielleicht ist es unangebracht dies zu schreiben, doch ich liebe die Melancholie und Vielschichtigkeit in deinen Texten, man verliert sich in der Bildhaftigkeit und meint mit dir im Zimmer zu sitzen und den Verlust deiner Selbst mitzuerleiden.

    Manchmal, wenn mir Glück zu selbstverständlich wird, brauche ich etwas schmerzendes, um mir bewusst zu machen, dass es das eben nicht ist. Musik bringt mich dazu, aber auch Texte wie deiner. Danke für die Reise in die Vergangenheit.

  2. Besten Dank. Ob es unangebracht ist oder nicht, wer besitzt schon das Recht, dieses zu entscheiden. Ich jedenfalls haben nichts gegen positive Resonanz einzuwenden. Denn schlimmer als eine Welle der Kritik wäre über den Texten das Wehen stummer Gleichgültigkeit. Schreibe ich doch nicht für mich, da ich das alles ohnehin selbst im Kopf habe.

    Allerdings möchte ich davon abraten, mit mir hier im Zimmer zu sitzen. Da ich zum einen heute noch nicht zum Duschen gekommen bin und hier zum anderen überall leere Energy-Flaschen, Unterrichtsmaterialien, Bücher und neues Studiengedös herumliegen. Nicht gerade die eloquente Atmosphäre wie Kulisse für geistigen Besuch.

    Die Selbstverständlichkeit des Glückes gilt es definitiv zu brechen. Und das meine ich nicht einmal gehässig. Denn alles Allgegenwärtige verbirgt sich schnell vor unserer Wahrnehmung. Wird alltäglich, wird gewöhnlich und damit so trivial wie banal. Sodass es vor unseren Augen verschwunden sein wird, noch eher uns dieses bewusst sein kann.
    Und dann beginnt man es zu suchen. Will es wieder fühlen und erreichen. Strebt zwangläufig manisch nach noch höherer Dosis. Und wer vermag es schon glücklicher als glücklich zu sein…

  3. Unweigerlich führt es mich doch wieder in dein Zimmer… welche Musik magst du gerade hören…

  4. Nun… irgendwo zwischen Klausuren und Büchern über Trainingssysteme und Ernährung könnte ich eine Schneise zum hinsetzen freischaufeln.

    Welche Musik? Indirekt jene:

    »Indirekt« aus dem Grund, da ich momentan, während des Arbeitens, im Hintergrund ein Let´s Play zu Fallout 4 laufen habe.

  5. Die Musik hörte ich mir heut’ morgen um vier Uhr an. Leicht verspätet hockte ich mich schlaftrunken in die Schneise und nutzte den Moment des Alleinseins. Musik transportiert… wie recht du hast.

    Nun aber genug von mir hier…

  6. Meinen Dank an Dich für’s in Teilen mitnehmen in Deine Vergangenheit und Gegenwart … ich kann Gabriele nur zustimmen … mein Kopfkino projezierte sofort die Energydrinks, Dein Sofa, Dich mit Kopfhörern und eben die von Dir vorgestellte Musik … geduscht oder nicht ist wurscht, meine Nase kann kein Nasenkino ;)

    “…Viele Stücke sind Zeitfenster. Sehr viele, fast schon zu viele. Und das faszinierende ist, man kann diese nicht mit neuen Erinnerungen überspielen. Selbst wenn man es versucht … es funktioniert nicht…”
    Absolut auf den Punkt gebracht, meist reichen die ersten 2 oder 3 Takte und die Zeitreise hat begonnen, unausweichlich, schonungslos und unbarmherzig. Umso schwerer ist es den persönlichen Giftschrank zu öffnen, auch hierfür Danke für’s hineinhören/-blicken.

    Und noch ein Danke von meiner Seite für “Fallout 4 – Main Theme…” und “Siegelord – Ascent Of The Fallen” … gemerkt :)

  7. Besten Dank. Allerdings möchte ich in Sachen Kopfkino vor zu viel Tiefgang warnen. Sonst kann es sein, dass ich indirekt mit in den Abgrund reiße.

    Bei Fallout 4 empfehle ich allerdings nicht nur den Soundtrack, sondern auch mit das Spiel. Und wenn nicht selbst zocken, dann zumindest als Let´s Play antesten.

    https://www.youtube.com/watch?v=eeCAGBwjDCo&list=PLGWGc5dfbzn_G0BXyX0WXu6De1PlbiKC6&index=3

    Siegelord ist ganz interessant. Allerdings gibt es diese noch nicht so lange, weswegen erst ein Album existiert. Aber dieses erscheint mir als handwerklich guter solider Melodic Doom / Black Metal. Gemessen an meiner bisheriegen Erfahrung.

  8. Vielen Dank für deine Erläuterung. Schön hier auf neue Inspiration zu stossen und den ein oder anderen Song nun auch als Begleiter sehen zu wollen. Hm….die Kunde der Psychometrie scheinst du mit dem genießen der Musik wohl zu verbinden?

    Einen schönen guten Abend wünsche ich

  9. Kommt auf den Kontext an. Zu Psychometrie im psychologischen Sinne kann ich nicht viel sagen. Da ich dahingehend über zu wenig Hintergrundwissen verfüge, um mit dem Begriff artgerecht umgehen zu können.
    Was Psychometrie im parapsychologischen Zusammenhang angeht, so muss ich verneinen. Da mir das zu sehr in verdreht esoterische bzw. übersinnliche Bahnen abtrieftet. Und ich hingegen zu sehr Freund sachlich nüchterner Wissenschaft bin.
    Zudem verstehe ich Musik nicht als Ding / Gegenstand, dessen »Seele« es zu erfühlen gilt, sondern als schon vorhandene Emotion, die durch mein Bewusstsein einzig noch interpretiert wird. Oder eben als Basis von Erinnerungen dient.

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