L wie Leipzig

Photobucketeipzig, die Stadt, die mir vor einst wenigen Jahren den Lebensfrust nahm. Der Richtungslosigkeit eine solide Straße vorschob. Euphorie und positive Leistung lehrte. Eine Stadt, von deren Trotz man automatisch angesteckt wird.

Leipzig. Du mein Kerker und Luftschloss. Refugium und Schafott. Heilsbringer, Narr und Scharlatan…

Zu dieser Stadt entwickelte ich eine Hassliebe, die an Intensität nur einer weiteren ebenbürtig ist. Der Vertrautheit wie Verachtung hinsichtlich meiner Heimatstadt.
Doch Leipzig unterliegt einem Vorteil, ich kann diese als Gast einschätzen. Als neutraler Durchquerer ihrer Straßen und Nutzer ihrer Atmosphäre. Bin weder geprägt durch das Heranwachsen, noch eingenommen von Bildern aus Kindheitstagen.

Aber es war auch Leipzig, das anschließend seinen Tribut forderte. Die Stadt als Ummantlung dessen, was, wenige Jahre später, die Euphorie getilgt hatte. Was die solide Straße als Einbahnstraße erkennen lies.
Befrage ich mich zu dem Moment, an dem der Frohmut zum reinen Schauspiel geworden war, so bildet Leipzig den Hintergrund für diese Antwort. Eine Mitschuld im Passiv, allein der bloßen Kulisse wegen.

Leipzig. Es gab mir viel. Doch nur als Leihgabe auf Zeit. Verlangte es doch wieder zurück, wenn auch zinslos. Daher kann ich diese Stadt noch lieben, auch aufgrund anderer Erinnerung. Auch wenn ich diese Stadt hasse, auch aufgrund anderer Erinnerung.
Und sind beide Erinnerungen im Zeitstrahl meiner Geschichte auch unterschiedlich spät platziert, so sind diese doch gleichwertig. Liebe und Hass. Der Zurückblicke liebliche Melancholie und der Rückerinnerungen herbe Enttäuschung.

Man sollte meinen, dass diese beiden Extreme zum Neutrum verschmelzen. Sich als gleichwertige Gegner ihre gegenseitige Unbezwingbarkeit eingestehen und sich die Hand reichen. Sich beugen vor der Notwendigkeit, emotionslos durch die Stadt wandeln zu können. Bei dem sich zwar die Gedanken noch weiterhin vergnügen, aber man selbst nicht mehr hinsehen oder hinhören muss.
Wenn es nicht deren Natur wäre, unabhängig voneinander in Erscheinung zu treten.
Kein Denken ist sozial, denn es geschied in der Verschwiegenheit. Somit ist auch kein Gedanke sozial. Weder gemeinnützig, noch kooperativ. Nur bedacht, sich in der Überheblichkeit der Isolation von allem anderen Denken abzuheben. Für sich alleine zu gelten, auf Teufel komm raus.

Und dieser Diabolus lässt sich nicht bitten. Als flüstere er persönlich die Gedanken in den Kopf. Als sei jedes Bild nur eine Metamorphose seines hämischen Grinsens. Und das Grinsen ist hämisch, sowie sein Grienen höhnisch ist, gehässig.
Man selber lässt sich auch nicht bitten. Ist, zu allem Bedauern, noch zu lebendig, um komplett abzustumpfen. Aber dennoch schon zu stumpf, um sein Wesen nicht schon in der Verbitterung getränkt zu sehen. So wie das zerlegte Hirn in Formaldehyd taucht. Versetzt mit Pessimismus. Das ewige Abfallprodukt, wenn die Weltanschauen des Realismus mit der steigenden Lebenserfahrung verschmilzt.

Leipzig. Die Stadt als kunstvolle Keramik auf der Schutthalde meines Selbst. Zerschlagen von den Momenten, die sie zugelassen hatte. Deren Zeuge sie gewesen war und doch nichts darüber auszusagen weiß.
Zertrümmert, wenn auch nicht verloren. Mit Willen sind die Splitter wieder zu finden, mit dem Wissen wieder zusammenzusetzen. Und dennoch, die Risse bleiben erhalten. In den Sprüngen klafft die spöttische Erinnerung. Und über die Schuldhalte raunt die eigene Schuld und spricht: »Dennoch sind alle Erwartungen enttäuscht, wenn aus dem erfüllten Willen kein Nutzen folgt«

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