Vergessene Orte – Der letzte Vorhang fiel

Photobucketchon damals kehrte man dort ein. Damals, vor rund hundert Jahren. Stieg ebenso aus der Elektrischen wie ich nun aus der Tram. Und blickte hinüber zu dem Gebäude, das mit eindrucksvoller Zurückhaltung das Gesamtbild des Straßenzuges prägt.

Allerdings tauschte man damals die Ruhe des Abends auf der Straße mit dem Getümmel innerhalb der Wände dieses Gemäuers. Stieg durch die schwere Pforte hinein in eine Atmosphäre aus Wortschwall, Tabakdunst, Gelächter und Walzer- oder Charlestonklänge.
Und heute wechselte sich das Getümmel der Straße mit der Ruhe des Gebäudes ab. Und die Pforte bleibt verschlossen. Kein Kronleuchter schimmert durch verglaste Fenster und keine illustre Gesellschaft tummelt sich in der abendlichen Sommerschwüle vor dem Anwesen.
Menschenleer ruht nun jene Straßenseiten und glaslos starren die Fenster ins Leere. Verschlagen mit Pressholz, Türen und Eisengittern.

Und doch, so scheint es, bewahrte sich das Gebäude die Sentimentalität bis zum heutigen Tag. Wer einmal der geistigen Zerstreuung gedient hatte, wer einmal den Schwall der Ausgelassenheit schmeckte und sich der Sorgen befreit sah, der behält den Wunsch danach in seinem innersten. Und wenn dieses Innere auch nur aus kaltem Stein und Stahl besteht.
Das Haus läd noch immer ein, zum Besuch und zum Verweilen. Bewahrt im unbemerkten Dickicht einen Einstieg. Das Fenster, vor dem ich hockte, gewährte Einblick in die eingefallene Küche. Einblick in den ehemals erlesenen Gastronomie-Standard deutsch-demokratischer Republik. Und bevor Passanten den Sog in die Stille hätten zerschlagen können, landete ich mit beiden Stiefeln auf einer spröde knackenden Transportkiste, die leer und bäuchlings unter dem Fenster lungert hatte.

Das Gebäude läd ein, doch es ist alt und geprägt von der Exzentrik seiner Gäste. Und welches Kind gehorchte nicht seiner Fantasie, die alten exzentrischen Menschen einen Dämonen zuspielten. Und sahen fortan die Hexe in der Nachbarin, nur weil diese weder die anderen Erwachsenen grüßte, noch den Garten vor dem Haus pflegte. Man wurde wieder Kind und tratt verschwörerisch über die gebrochen Fließen der Küche hinaus in den Korridor. Dessen kraftlose Tapete mit dem Stuck um den Grad der Verwelkung wetteiferte. Und einzig die offenen Türen für Licht sorgten, während die Deckenleuchten nur noch trotzig ihre gesprungenen Lampenschirme präsentierten.

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Beiläufig blickte mich um, während ich das Stativ aufbaute, und schaue beidseitig in erneut klaffende Dunkelheit. Doch dieses Mal hatte sich die Dunkelheit nicht in den Korridor gelegt. Dieses Mal schmiegten sich keine Schatten in Nischen und Winkel. Dieses Mal war die Dunkelheit der Korridor. Und allein der Lichtkegel der Taschenlampe vermochte es noch, die Nischen aufzuzeigen.
Ich beschloss die völlige Dunkelheit des vermeintlichen Kellergewölbes erst dann zu erkunden, wenn sich das Gebäude mein Vertrauen verdient hatte und gabe mich sogleich kurzer Erleichterung über diese Entscheidung hin. Während ich mich dem näherte, was vor einigen Jahrzehnten noch einen Teufel getan hätte, so verrammelt zu sein, wie es sich nun aus der Finsternis schälte.

Schweigen thronte der Eingang vor mir. Gleich dem sturen Wächter aller Märchen, der nicht weichen wird, egal was man auch anzustellen gedeckt. Die Türen blieben verschlossen und sodass einzig von den Nebenzimmern etwas Licht in jenes Foyer fallen konnte. Durch Fenster erhellte angrenzende Räumlichkeiten, wie das Vorzimmer mit Büro und unscheinbarem Tresor. Sowie den auf gegenüberliegender Seite befindlichen Konferenzräumen oder Sälen der geschlossenen Gesellschaft. In denen noch immer die Klänge von Damals lautlos im Raum hingen. Zu dem Staub verstummt, der die Lichtstrahlen mit fahlem Puder schmückte.

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Wenige Meter entfernt hing der Parkettboden des Obergeschosses kunstvoll zwischen den Gestängen der Gardarobe. Als Doppel-Helix einer Metamorphose. Als Mahnmal für die Unbesiegbarkeit des Endlichen. Als Konzeptkunst, welche mit dem Moos auf dem Boden, dem Schutt und den zerdrückten Zigarettenpackungen dem natürlichen Willen gegen langes Fortbestehen Ausdruck gewährte.

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Ich lauschte in die Dunkelheit. Versuchte meine Fantasie anzustacheln. Um mir keine röchelnd fauchende Ghule in die Erinnerung zu pflanzen. Die Erinnerung hervorzulocken, die mir keine Sequenzen abspielte, in denen ich durch die Löcher im Boden auf die Köpfe von Supermutanten zielte. Oder Gedanken an die Momente hinter der Tastatur beim Durchkämmen eines strahlenden Tschernobyls oder der U-Bahn-Schächte Moskaus.
Sondern mein Augenmerk der ebenso fiktiven Erinnerung innerhalb der Realität zu widmen. Ich versuchte mich in die Zeit zu denken. In das Damals. Während ich die Treppen emporstieg und, Oben angekommen, über dem kleinen Mauerwerk der Galerie lehnte. Wie lange hatte ich das Bühnenparkett gemustert. Minuten oder Sekunden…bis ich keine klaffenden Löcher mehr sah, die Einblicke ins Erdgeschoss gaben. Keine aufgeworfene Vertäfelung und keine geborstenen Balken. Kein Graffiti, keinen Schutt und keine eingeschlagen Scheiben.

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Fand sich doch erneut die Gesellschaft zusammen. Damen, die sich in der damaligen Epoche ihrer unterstellten Vermännlichung durch Hosenanzüge hingaben, grienende Herren, welche die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen nutzten, um etwas Leben zu spüren. Ich erahnte das Gewimmel. Erdachte gedeckte Tischen, die dort gut verteilten Platz für feines Geschirr boten, wo die Fäulnis nun den Boden aufriss.

Sah meine Eltern im SBZ-Ambiente, die sich ebenfalls innerhalb dieser Mauern der jugendlichen Ausgelassenheit entsannen, die man ihnen außerhalb hätte abstreitig machen wollte. Sah sie, im Abbild alter Fotografien. Sie, die es mir ermöglicht hatten, den Begriff »Leben« verstehen zu können, ohne dass ich bis die Möglichkeit bekam, es ihnen danken zu können.
Und ich sah mich. Wenn auch nicht in diesem Saal, so doch in der Erinnerung allgemein. Sah mich an Abenden alljene Erfahrungen nachholen, die eigentlich zur vorhergehenden Jugendzeit hätten gezählt werden sollen. Zu einer Jugend, die verschwendet worden war und nicht mehr wiederkommt. Ewig im Damals bleibt, so wie der Glanz dieses Ballsaals.

Gedankenversunken schulterte ich die Ausrüstung auf und stiege von der Galerie in den Keller, dem jedoch nur noch die Taschenlampe Fragmente seiner Erscheinung entlocken konnte. Auch wenn deren Lichtkegel noch nicht einmal die gegenüberliegende Wand erreichte.
Ich hätte mit Blitzlicht fotografieren oder jenes Bilder weiterhin der HDR-Technik unterwerfen können. Behaftet mit der stetigen Gefahr, damit den klassischen Charakter dieser Gemäuer zu verraten. Würde ich doch die Alterung dadurch nicht konservieren sondern schnöde sterilisieren.
Und warum die Dunkelheit in ihrer Ruhe stören, wenn man nichts darin finden kann. Somit schaute ich mich nur kurz um, streifte das Angesicht der kahlen nackten Wände und trat sobald wieder aus dem Reich der Schatten, die nichts von dem verraten hatten, was sie womöglich noch in sich trugen.

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Das einfallende Licht der Schwingtüren leitete mich noch einmal zurück in den Ballsaal, auf dessen Bühne ich nun noch einmal kletterte. Stunden waren während meines Streifzuges verstrichen. Mal hatte sich währenddessen die Moderne der anliegenden Straße durch die Fenster gedrängt, mal das Leben durch die schwachen Wände geplärrt und mal untersagte das Mauerwerk jegliche Störung von Außerhalb.
Vor mir fantasierte sich wieder die illustre Gesellschaft. Wie erhaben es doch ist, selbst jetzt noch auf dieser Bühne zu stehen.
Ich setze mich an deren Rand und schaue durch den Boden in die unten Stockwerke. Ließ den Blick durch den Saal und über die darüber liegende Galerie schweifen und gewähre einer kurzen Frage einzug: Wäre es nicht großartig, hier zu stehen und in gebannt interessierte Augen zu blicken. Zu begeistern und zu erfahren, was es heißt einen Nutzen im Leben zu haben. Dadurch zu leben, dass man anderem Leben einen Moment mehr Lebenswert beschert. Und nicht nur zu existieren, als Altlast. Watend im Pfuhl der eigenen Enttäuschen und Antriebslosigkeit. Und umgeben von Statistiken, die vielen zum Feierabend oder morgens im Berufsverkehr als Feindbild dienen.

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Dumpf und holzig dröhnte der Aufschlag durch die Stille, als ich von der Bühne gesprungen war. Der Saal verfällt und wartet gefasst auf die Abrissbirne. Getröstet von seiner Vergangenheit. Ein »Was wäre wenn« entpuppt sich als so ernüchternd trivial. Da auch dieses, wenn es denn gelebt werden könnte, irgendwann endet. Und dennoch hätte es eine passgenaue Umgebung für eine Lesung werden können.
Doch der Tag wird kommen, da fällt ohnehin der letzte Vorhang. Ebenso wie hier der letzte Vorhang schon vor einer Ewigkeit herniedergefallen war. Und das Haus nun von der Stille träumt, so wie dieser Tag schon wieder an den Abend denkt.

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