Vergessene Orte – Der Anfang

Photobucketinterlasse nichts als Fußabdrücke. Verweile wie der Schatten am Gemäuer und werde beim Verlassen zu einem Teil der unauffindbaren Vergangenheit innerhalb des Mauerwerkes.

Erst heute wurde mir der Nachklang jener Worte bewusst. Da ich erstmals hinabstieg in das Territorium der Verwitterung. Bei dem mich weniger die Neugier trieb, noch die Abenteuerlust, sondern eher der Versuch, das Morbide und Zerstörerische innerhalb meines Schädels zu kompensieren.
Zerfall, Verwahrlosung, Vergessen. Ich wollte mich umgeben vom Sterbebett der Zivilisation. Mit dem Wunsch, dass die Friedlichkeit der Natur, die jenes Bette herrichtet, die Gedanken besänftigen könnte. Und sei es nur für einen Moment.

Es sollte gelingen. Das Todgeweihte aus leblosem Stein und Holz strahlte nach und nach eine beruhigende Wirkung aus. Zumindest, nachdem ich mich auf die Atmosphäre eingelassen und nachdem ich den Höllenhund meiner Fantasie an die Kette gelegt hatte.
Wie damals, während meiner Dienstzeit auf einer Intensivstation. Als ich das erste mal im abgeschlossenen Raum ein Bett nach der Verlegung säuberte, während hinter mir zwei tote Körper ihre zwei Pflichtstunden ablagen, bis dann der Arzt endgültig den Kühlbox-Berechtigungsschein um deren Zeh binden durfte.
Und ich mich beim ersten Male allzu oft und allzu skeptisch nach diesen Betten umdrehte. In die regungslosen Puppengesichter blickte und förmlich drauf gierte, dass diese wieder die Augen aufrissen. Schlechte Fantasie aus schlechten Filmen. Mit der Zeit sah ich nur die Lagen über den Körpern, sah, wie sich farbenfrohe Flüssigkeit durch das Gewebe drückte und dachte mir nur »Scheiße, das gibt wieder Mehrarbeit«
Tote sind schwer, schwerer als noch vor den zwei Stunden, als diese noch künstlich atmeten. So starr wie sperrig und nur mit Mühe in die Kühlkammern zu hieven. Aber ich war damals schon stämmig und gegenüber den Pflegern entbehrlicher. Somit durfte ich diese abtransportieren. Da es mich auch nicht störte, ich mich schnell daran gewöhnte, mich schnell an alles gewöhnte. Und mich immer innerlich amüsierte, wenn ein auf Philanthropie gedrillter Jungspund vom Patientenbegleitdienst versehentlich unseren Fahrstuhl mit nutzen wollte. Vor der Tür kurz stockte und während der Fahrt unbehaglich auf das Lagen spähte.

Verwahrloste Gemäuer sind Brutstätte von verwahrlosten Gestalten. Dämonen, Viechern. Nährboden der Angst, dass darin etwas Totes darauf lauert, einen zu sich zu holen. So zeigen es die schlechten Filmen oder erzählen es die schlechten Bücher. Und damit auch ich.
Stunde um Stunde, als ich damals im Kellerraum am Schreibtisch saß und den Fortsetzungsroman zum Panoptikum in die Tastatur klapperte.
Alleine in der Schweigsamkeit eines Raumes, der nur notdürftige Wohnlichkeit ausgestrahlt hatte. Und umgeben vom Licht einer Tischlampe, die nicht einmal die gegenüberliegende Wand ausleuchtete.
Und ich tippte, schlechte Fantasien, für schlechte Bücher. Blickte ab und zu auf und sah, wie sich das eben geschriebene im Schatten abspielte. Schielte zur Kellertür und wusste, dass das Licht mich verraten würde. Sowie ich damals schon wusste, dass ich mich bis heute wundern würde, warum die Klinke niemals gedrückt wurde. Von den Schatten, die ich im Augenwinkel kriechen sah. Das Etwas, das da lauerte.

Aber es lauert nichts und ich gewöhnte mich daran. Ließ es zu und verstand es als Spuk im Kopf. Als Fantasie ohne rationale Grundlage. So wie ich das Kopfkino innerhalb der Gemäuer zuließ. Geprägtes Unbehagen ohne rationale Grundlage oder empirischer Bestätigung. Und dennoch, der Mahr sitzt auf der Schulter. Und grinst einen scheel von der Seite an.
Spätestens mit dem Augenblick, mit dem ich eintrat. Die trockene Wärme der Außenluft mit der klammen Kälte tauschte. Anstatt unter der Frühlingssonne des Morgens, nun vor den tiefen Schatten zerfallener Innenräume stand. Die nichts offenbarten und alles verbargen. Wie die Bestätigung, dass die Bilder im Kopf nur Fantasie waren. Das erleichterte Zwitschern der Vögel, der Hauch des Windes innerhalb des trockenen Blattwerks, all das verstummte. Einzig das Knarren meiner Schritte, das Brechen von Schutt und Unrat unter meinen Stiefeln lag schwer in der Luft. Dicht gefolgt vom ersten zögernden und dann selbstbewussten mechanischen Klicken und Surren der Kamera.

Nach Wochen der Apathie ergab der Tag wieder einen Sinn. Die klamme Kälte, die an den Fingern klebte, der Moder in den Atemwegen, der kalte Wind, der plötzlich und ohne Ankündigung durch die Türrahmen und Ecken zerrte und einem den Nacken in Schauer legte. All das wurde bald trivial.
Und ich stieg behutsam die Holztreppen empor. Tastete mich vorsichtig über die Dielen, welche schwarz und triefend ihrer Verrottung beiwohnten. Schaute langsam um Ecken und sondierte die Räume, bevor ich mich dem optischen Sucher hingab.

Und all das, um die Gnade der relativen Gedankenlosigkeit und Konzentration zu erfahren. Allerdings, so wurde mir bewusst, benötige ich noch einiges, um solchen Streifzügen wirklich gewachsen zu sein.
Denn wie ich schnell erfahren durfte, erfordert der radikale Wechsel von grellem Tageslicht und satter Dunkelheit eine solide Beherrschung der Kamera. Blende und Belichtungszeit wollen hierbei nicht experimentell gewählt werden, sondern bewusst. Denn zu viele Aufnahmen verloren dadurch ihre Kraft, dass ich recht hilflos durch die Einstellungen schlitterte.
Zudem wurden viele Aufnahmen konsequent verwackelte. Auch wenn ich über Yoga noch ein Mindestmaß an Atemtechnik und Körperbeherrschung besitze, so nützt das nichts, wenn man während der Belichtungszeit »23« murmeln kann und recht unbeholfen auf einem Schuttberg hockt. Somit werde ich mich Ende der Woche nach einem Stativ umsehen.
Da ich ohnehin vorhaben, diesen Ort erneut aufzusuchen. Und hoffe, diesen dann noch immer so aufzufinden. Da sportbedingt erhöhte Flüssigkeitszufuhr und nasskalte Innenräume bald ihren Tribut forderten, an der Konzentration zerrten und mich vorzeitig abbrechen ließen.
Daher wurden es der Erfahrung drei. Nämlich drei Dinge, die ich das nächste Mal mitnehmen sollte. Das besagte Stativ, für den Notfall die Anleitung der Kamera und eine…sagen wir einmal: »handliche« Flasche.

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