6ter August 2011 – Auferstanden aus Ruinen

Ein Blick durch die Jalousien ermutigt zu stoischer Arbeit am Rechner. Was auch nicht unpraktisch ist. Da ich zumeist nach der Devise arbeite: »Ich habe solange ein Motivationsproblem bis ich ein Zeitproblem habe«
Nicht gerade ein Glanzbeispiel für das Thema Zeitmanagement. Doch dafür bringt dieses ein wenig Spannung in den notorisch monotonen Alltag. Zumal zum momentanen Zeitpunkt der Blick auf meine Quellen alles andere als ermutigt.

Er lässt die Recherchearbeit nur schwer vorankommen. Was war ich auch so tolldreist und hielt einen Exkurs in die Geschichte des Webdesigns für eine schöne Sache. Naivität oder jugendlicher Leichtsinn. Oder eher alleiniger Leichtsinn ohne jegliche Ausrede bezüglich Jugendlichkeit. Man würde mir dieses ohnehin nur noch schwerlich abnehmen.

Aber schließlich wird man dafür bezahlt. Andererseits, so denk ich, müsste man doch einfach nur penetrant genug sein, dass einen die Mitmenschen nicht mehr für das Tun und Reden bezahlen. Sondern schon allein für den Aspekt, dass man einfach mal die Klappe hält. Wäre doch eine lohnende Art sein Geld zu verdienen.

Jedoch, wenn man das einmal erreicht, dann wird man schon so gepolt sein, dass man schwerlich die Klappe halten kann. Und sich schon zwingen muss, anderen nicht auf den Sack zu gehen. Somit wäre es dann ebenso schwer verdient und ebenfalls mist. Aber zurück zum Unterfangen.

Welches nach wenigen Viertelstunden lästig zu werden begann. Denn relativ fachlich durchtränkte Texte im kompletten Inselrotwelsch verfasst, ermüden mich zunehmend. Zumindest meine Motivation.
Dann doch lieber zurück zu treuen Teutschen Schriften. Immerhin lud diese muntere Stadt dieses Wochenende so erneut wie notgedrungen zu »Europas größten Braun-Rock-Festival« ein. Unter der Schirmherrschaft der NPD, versteht sich, und passend zu all den »national befreite zone«-Schriftzüge, die sich seit längerem durch das Stadtbild schmieren.

Schon interessant, was in Sachen Musikkultur auf deutschem Boden geschaffen wurde. Der größte Tekkerterror, der größte Schwarzkittel-Schrecken. Das Größte Metal-Gröhl-Gelage und auch die größte offizielle Neonazi-Zusammenrottung. Das WGT mit über 25.000, Wacken schlägt mit 75.000 90.000 zu Buche. Die Loveparade mit aber Millionen und jenes Rock für Deutschland…gut, wieviele werden hier auf das städtische Grün passen. 1 bis 1.200 vielleicht, von denen wohl ein paar Hundert wirklich herumstanden.

Wobei die weltgrößte Tekker-Fete ja ein jähes Ende nahm. Fast schon bedauerlich. Zumal man sich ein derartiges Ende doch für eine andere der vier Veranstaltungen wünschen würde beziehungsweise gewünscht hätte.
Aber dies nur am Rande. Solang der Staat die Hände in den Schoß legt und sich in die Zeitschindung argumentiert, sehe ich auch nicht ein, mich öffentlich zu entrüsten und somit Zeit zu vergeuden. Muss ich mir mein Geld doch mit stichhaltigen Monologen erarbeiten und nicht mit Palavern und Eierschaukeln zwischen zwei Diäten.

Jedenfalls kramte ich in verständlicheren Artikel diverser populärwissenschaftlicher Magazine, deren Inhalte pro Heft ich schon längst einmal katalogisieren wollte. Was rückblickend so manche Sucherei erleichtert hätte.
Doch wo bliebe denn da der Sinn für´s Abenteuer. Zumal mir dann sicherlich jenes Exponat der Vergangenheit nicht buchstäblich in die Hände gefallen wäre. Eine Mappe mit alten Zeugnissen. Deren vergilbte Existenz für zwei Dinge spricht.
Erstens: Es sind schon wieder ein paar Monate seit der Grundschule vergangen; auch wenn manch einer etwas anderes zu behaupten weiß.
Zweitens: Zu Zone-Zeiten wurde selbst bei solchen Dokumenten kaum am Ligninanteil gespart. Sodass manche antiquarische Wälzer meinerseits noch bleicher aussehen als diese A5-Wedel…

Der Charme dieser Papiere offenbart sich für mich weniger in den Zahlen, die meiner Leistung ein subjektives Gesicht geben sollten, sondern in der damals obligatorischen Beurteilung.
Aus heutiger Sicht ist beides nicht mehr sonderlich repräsentativ. Zwar interessiert nicht mal mehr das Realschulabschlusszeugnis, dem Abitur sei Dank, geschweige denn die persönlichkeitswiderspiegelnden Beurteilungen aus Grundschultagen, doch es ist schon interessant, wie man sich doch verändern kann. Oder wie man damals fehlinterpretiert worden war. Wer weiß das schon noch.

Doch um den Gedankenansatz zu untermauern. Und eine Beantwortung der Frage zu provozieren, ein paar Zitate:

1tes Schuljahr

[…] Im Unterricht arbeitet ___ aktiv mit. Er muß jedoch noch lernen, seine Ängstlichkeit zu überwinden, um mehr Selbstvertrauen zu bekommen. Sprachlich gibt er sich viel Mühe. Er ist ein vorbildlicher Pionier […]

2tes Schuljahr

[…] ___ hat sich gut in sein neues Klassenkollektiv eingefügt. Er wird von seinen Mitschülern geachtet, ist verträglich, hilfsbereit und höflich, aber noch manchmal etwas befangen und unsicher. […] Als Pionier erfüllt ___ seine Aufträge gut, könnte aber auch hier noch mehr Aktivität zeigen. Er erhält ein Lob vom Direktor […]

Ein Lob vom Direktor…Warum auch immer, wahrscheinlich war ich mal an der Reihe gewesen. Oder ich glänzte als Musterbeispiel jung-sozialistischer Verträglichkeit.

3tes Schuljahr

[…] ___ strebte auch in diesem Schuljahr nach bestmöglichen Lernergebnissen. Obwohl ihm das Lernen, vor allem im sprachlichen Bereich, nicht immer leicht fällt […] ___ ist ein ruhiger und zurückhaltender Pionier, der sich gut in sein Kollektiv einfügt. Außerschulisch könnte er aber aktiver mitarbeiten und sich um einen noch engeren Kontakt zum Kollektiv bemühen […]

Außerschulisch…auf jeden Fall. Im Staate fröhlicher Zwangsgemeinschaft war es natürlich verpönt, wenn man sich selbst als Wanst schon seines Individuums bewusst war und wenigstens in der Freizeit seine Ruhe haben wollte.
Ich wusste wohl schon früh: Das Kollektiv, soweit nicht selbst gewählt, kann mich mal. Schließlich entstammt »Kollektiv« dem lateinischen »Collegium« welches für sich genommen auch nichts anderes bedeutet als »Ausschuss« Und wer will schon von Ausschuss umgeben sein.

4tes Schuljahr

[…] ___ ist ein sehr ruhiger und zurückhaltender Schüler […] ___ ist im Denken nicht wendig und schnell genug, ebenfalls in seinen schriftlichen und mündlichen Äußerungen […] In seiner ruhigen Zielstrebigkeit gibt er ein positives Beispiel […]

Denk- und Sprachlegastheniker, aber dennoch zielstrebig. …Ich…ähhh…gut find das. Weil Ziel mir gut. Ziel mir Freund. Ich gut mit Freund…und…ähhh…totgemacht…Def…i…zit. Mit Ziel.

5tes Schuljahr

[…] ___ ist nach wie vor ein ruhiger und zurückhaltender Schüler. Er bemüht sich, den Forderungen zu genügen. Leider fehlt ihm aber zur Zeit noch der Ehrgeiz, zielgerichtet nach noch besseren Ergebnissen zu streben […] In dieser Beziehung fehlt ihm noch etwas die Einsicht in die Notwendigkeit. […] Sonst ist ___ durch seine Ruhe und Sachlichkeit in der Klasse wohlgelitten […]

Ich schätze, dass eine Ermangelung an »Einsicht für Notwendigkeit« eines der wenigen Aspekte damaligen Wesens war, das heute noch Gültigkeit beanspruchen kann. Liest man den Rest mit der Deutung von Arbeitszeugnis-Floskeln -Er bemüht sich, den Forderungen zu genügen- so könnte man meinen, ich bekam damals nur drei Dinge auf die Reihe: »Mach´ Sitz!« »Gib´ Pfötchen!« und »Gib´ Laut!« Anderseits, mehr war im damaligen Grundschulsystem auch nicht nötig. Zumindest mehr oder weniger. In dem Damals des Wohl und Gelitten.

Und so möchte ich mit dem schallenden Pioniergruß enden: Seid bereit. …Immer bereit!

In diesem Sinne: Freundschaft!

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