Nachtaufnahme in Gedanken

Photobucketull Uhr Einundvierzig. Die Nacht liegt im dichten Gewand. Der Rechner brummt freudlos leist den Weg seines Arbeitsganges entlang und ich bin umgeben von dem gelebten Gegenargument zur Großstadtidylle: Der Stille.

Vermeintliche Stille zwar, doch kann diese mit Gewissheit von sich behaupten, dass sie die Ruhe in sich trägt.

Die Nacht schmeckt schal, wenn man am Tage träumt. Doch trinke ich nicht von ihr, sondern tauche nur ein. Bleibe wach und zähle die Prozente der Defragmentierung auf dem Monitor. Beobachte das ausgelassene Spiel der Flamme, die daneben steht. Lampenlicht ist mir zu dieser Zeit zuwider. Gehört es doch in die Zeit des Lebensrausches und nicht in die nächtliche Anteilnahme.

Man ist allein mit sich und will dies auch weiterhin sein. Will sich unter dem Schleier der Dunkelheit verborgen wissen und seiner Umgebung die Beruhigung des Netzes prüder Schatten auferlegen.
Und will sich nicht im sterilen Schein geblendet sehen. Dessen gnadenlose Ausleuchtung einem weiterhin die Schuld des Tages anhaften lässt. Die Teilschuld des stagnierenden Daseins gegenüber den fünfzehn Prozent Defragmentierung.

Daten wurden ausgelagert. Geordnet. Katalogisiert, sortiert, gesichtet wie gelöscht. Momente alten Lebens. Eines Lebens. Meines Lebens? So unwirklich und doch gelebt. So bedeutungslos und einst bedeutungslos. Mal geteilt, doch oft verheimlicht.
Geschah etwas, wenn nur ich es weiß? Ist etwas wirklich geschehen, woran sich nur andere erinnern.
Mir Geschichten erzählen und mich zu der Erzählung Protagonisten erheben. Und ich dem zuhöre wie dem Lesen aus einem unbekannten Buch. Die Wahrscheinlichkeit zur Richtigkeit liegt nahe. Es muss existiert haben. Aber nur für den Gegenüber. Dessen Bild des erzählten Momentes so unendlich weit entfernt ist.

Achtzehn Prozent. So unendlich wie die Dateien. Alte Texte. Alte Bilder. Zehn Jahre alt, fünfzehn Jahre alt. Doch sie vergilben nicht. Gehen nicht einher mit dem Kompromiss des Alterns, der einem anhand des Papiers zeigt, die gutmütig doch das Vergehen sein kann. Und wie einem die Zeit Ehrfurcht und Würde schenkt.
Die Dateien sind steril. Nicht greifbar, aber beschämend. Zeigen einem das Zeitvergehen in der Frechheit ihrer Unantastbarkeit. Verweigern sich des Anstandes der Alterung. Sie stehlen sich nur schweigend davon. Verschwinden, wenn die Zeit des Medium gekommen ist und ihnen der Boden unter den Füßen wegbröckelte.

Soviel Leben blieb unnötig erhalten. Soviel mehr Leben ging unnötig verloren. Manche Daten bilden das Bild von Erinnerungen. Manche Daten erwecken diese überhaupt erst wieder zu leben. Manche will man vergessen. Vor zwanzig Prozent wurde der Papierkorb geleert.
Und manche Daten sind fremd. Ich kenne den Ort, erkenne mich selbst. Doch was geschah. Davor oder danach?
Ohne Erinnerung kein Leben. Was man vergisst, hat man nie erlebt. Der Zeit ist es egal. Der Datei ebenso. Nur der Freund kann mit emotionalgebundener Erinnerung aushelfen. Aber er kann nicht über die Momente meines Alleinganges berichten. Ohne Erinnerung kein Leben. Der Eremit, der vergisst, kann nicht sterben, da er nie gelebt hat.

Der Eremit, der ich nun bin. Noch im Beisein der Erinnerung an die vergangene Sekunde. Und dessen Einsamkeit allein durch die müden Symbole gebrochen wird, die schweigend von der letzten Messenger-Aktivität zollen. Dreißig Prozent, die letzten hatte sich abgemeldet. Wie üblich, vor Stunden und ebenso schweigend.
Ansonsten bleibt jeder menschliche Laut in seinem Keim verborgen. Keine Fahrzeuge, die sich durch das Wohngebiet trauen. Kein geschäftiges oder geschwätziges Umherirren. Keine animalischen Laute. Kein kläffender Hund, kein schreiendes Kind. Nicht einmal das sich überschlagende Keifen balgender Katzen.

Nur die allgegenwärtigen Hintergrundgeräusche bäumen sich auf. Die ferne Autobahn, deren Rauschen über die Stille schwebt. Und mich zu den Jahren führt, an denen ich vor Morgengrauen den neuen Tag begann und von eben jenem Geräuschpegel in den Tag begleitet worden war.
So wie heute noch, doch liegt im Aufstehen keine Absicht mehr. Nur noch die Flucht. Hinaus aus der Dekadenz seiner selbst.
Ich selber traue mich kaum zu tippen. Wird der Schlag der Tasten tagsüber zum Bollwerk gegen unwirsche Lärmbelästigung. So dröhnt des Nachts jeder Anschlag in unverhohlener Rachsucht.

Ein Innehalten. Das eigene Atmen ist einem zu laut. Die Konzentration auf die Dunkelheit erweckt den Jagdtrieb nach der absoluten Stille. Dessen Fährte über immer unscheinbarere Geräusche aufgenommen wird. Man hangelt sich an diesen entlang.
Aufmerksamkeit und Anspannung lassen alle innere Unruhen schwinden. Bis man es wahrnimmt. Die Ruhe, in der alles Dasein nie vorhanden ist. Man hört seinen Lebenszyklus. Hört das Schlagen des Muskels. Faustgroße Selbstaufgabe und unerbittlicher Kampf. Selbst wenn das dazugehörige Denken das Kämpfen längst aufgegeben hat.

Dreiundvierzig Prozent. Die Müdigkeit haucht einen an. Raubt den Sauerstoff, die Luft zum Atmen. Das Konzentrationsvermögen meutert, der Körper rebelliert. Ungehorsam und zickig. Wie das Kleinkind, dem man etwas vorenthält. Den Schlaf.
Schlaf ist unproduktiv. Wie diesen demnach begründen, wenn der Tag ebenso verlief. Müdigkeit vertreibt die Einsamkeit. Man ist nicht mehr allein. Hat den Mahren neben sich. Zornig über den vorenthaltenen Platz auf der Brust hockt er einem im Nacken und betört mit einem Vorgeschmack seines Könnens.

Mit stummen Feixen in stiller Nacht und lautlosen Gestalten im Schatten. Brüchig. Kurzzeitig. Der Hauch einer Existenz und dennoch wahrgenommen als hätte dort der ewige Fels gestanden.
Dinge so schwarz und formlos. Die ihre Gestalt erst im Kopf entfalten. Krüppelig. Tod. Verrottet. Nicht da, doch man belehrt sich eines besseren. Das Gefühl sitzt im Nacken. Die Trugbilder spielen verstecken mit jedem prüfenden Blick. Schleicht um einen herum. Ständig im Verborgen.

Was sehen sie, wenn sie im Dunkeln alleine sind und die Dämonen kommen. Wenn etwas Todes durch die Schatten huscht. Einen sucht. Einen wittert. Gehässig und mit Spieltrieb sich nur der persönlichen Angst bedient. Sich nicht zu mehr herablässt. Sich nie zeigt, aber ein Bild im Kopf entstehen lässt.
Das Licht vertreibt sie. Macht sie gefügt, so dass sie sich trollen. Das Licht am anderen Ende des Raumes, für dessen erreichen man durch sie hindurch muss. An ihnen vorbei und ihren den Rücken zukehren…

Ich grinse über die altbekannten Gestalten. Willige diesen Spuk in meinen Kopf lobend der Phantasie zu und starre müde auf die einundfünfzig Prozent. Während der letzte Gast am Schatten der Tür vorbei kriecht. Kurz im Augenwinkel erscheint. Kalter Schauer im Nacken.
Standen mir solche Momente doch oft genug Modell für diverse Geschichten und Atmosphären, die ich gut in Worten gelegt zu haben erhoffe. Der Spuk im Kopf oder der Besuch von Seelen? Halluzination oder wirklich Abbilder?

»Ist dein Körper durch die Müdigkeit extrem genug ausgelaugt, so kann sich dein Bewusstsein nicht mehr gegen die gedankliche Barriere sträuben. Ihm fehlt einfach die Energie und dein Unterbewusstsein…blickt auf die Geisterwelt«
Die Unterhaltung mit einer einsten Kommilitonin. Esoterischer Firlefanz? Fakt ist, es klingt plausibel. Der Spuk im Kopf. Vorallem als ich aus dem Tiefschlaf erwachte und des Mitternachts noch einmal mit dem Hund raus ging. Damals. Jahre her und nur noch in Daten vorhanden.

Fast immer waren sie in diesen Stunden präsent. Schwarze Schatten der Einbildung hinter den Schatten bewiesener Materie. Hinter Laternen, an Hecken, in Türbögen. Sie klebten an den realen Dingen und beobachteten mich. Zeigten ihre Kontur, ließen sich erahnen. Doch existierten sie nur mit jenem Blick. Ein zwinkern und sie waren des bewegungslosen Verweilens überdrüssig und verschwunden.

Geisterwelt. Überlastung im Gehirn. Das Denkorgan als elektrochemisches Bauteil ist anfällig. Ebenso anfällig wie alles andere auch. Überspannung, Kurzschluss. Der Rationalismus gegen das Unbekannte. Vermeintlich unerklärliche. Dessen Erklärung sich wie der beginnende Tag erhellt, doch niemals voll aufzuleuchten vermag.

So wie der Morgen. Steht dieser vor seiner Vollendung, so ist er gänzlich verschwunden. Und der Tag trat an seiner Stelle. Kerzenrauch steigt entrüstet empor. Neunundneunzig Prozent der Defragmentierung sind längst vergangen. Die Uhr erwähnt den Morgen. Die Schatten sind verschwunden. Erste Vögel brechen durch die rauschende Stille. Zeugen von Leben. Erstes Licht dringt durch die Plastikstreifen.
Ich schaue dem Tag beim erklimmen zu. Zu früh für menschliche Regung in der Umgebung. Doch spät genug, um zu schlafen. Die Müdigkeit zog kampflos ab. Hinterließ ein kaltes Kribbeln. Einen dumpfen Blick und doch sonderbare Energie. Von der ich früher gerne zerrte. Gestand sie mir doch das Schaffen zu…damals.

Dem Damals meiner Daten. Das so fremd geworden war, als gehöre es einer anderen Generation. Als stöbere ich in den Akten der Ahnen. Drei Jahre, wie ein dreißigjähriger Krieg im Gehirn. Ein Stellungskampf der alles zerbombte, keine Gewinnerseite zuließ. Ist das Grinsen ehrlich oder manisch. Wer kennt den Unterschied. Wer erkennt ihn im Zwielicht des neuen Tages.

2 Gedanken zu „Nachtaufnahme in Gedanken

  1. Faszinierend, dass es doch noch andere Menschen gibt, die die Defragmentierung des Computers zur Reflexion und zu Gedankenausflügen nutzen. Ich dachte immer, ich sei die Einzige. Leider gibt es in der Detailansicht heute nicht mehr diese kleinen Kästchen, die sich wie von Geisterhand ordnen und die markiert und an andere Stellen geschoben werden.

    Als das noch so war, habe ich immer stundenlang auf den Bildschirm gestarrt und das Gefühl gehabt, dass sich meine Gedanken mit jedem Kästchen auf dem Bildschirm ebenfalls ordnen. Ein beruhigender Anblick – fast wie Meditation. Defragmentierung des Gehirns. Ein wenig Ordnung im angesammelten Chaos.

  2. Ja diese kleinen Kästchen. Die erinnerten mich immer an pflanzliche Zellen inklusive Zellkern. Bei deren Gewusel konnte ich stundenlang zusehen. Nun, jedem sein Hobby.
    Und auch ich fand es bedauerlich, dass diese irgendwann –bei mir theoretisch mit XP- gestrichen worden waren.

    Die Defragmentierungsgrafik als Mantra. Das hatten die Entwickler des Hauses Windows sicherlich nicht beabsichtigt. Sonst hätten sie es definitiv beibehalten, denn jene schnöde Prozentzahl ist allzu seelenlos.

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