Sport frei

Hinter der Jalousie vermischt sich das dreckige Gelb des Abendhimmels mit dem lichtlosen Grün der Bäume. Während die angrenzenden Wohnblöcke ebenso grau dreinblicken, wie die Plastikstreifen eben jener Zimmerverdunklung.
Neben mir brummt der Rechner und vor mit grinst der Monitor. Der halbe Inhalt der Schüssel Müsli neben mir pappt zu einer gummiartigen Masse. Bei der ich hoffe, sie nachher mit Milch wieder aufbrechen zu können. Mein Blick wandert über die Klebezettel, die meine bessere Hälfte hinterließ, während die linke Hand abwechselnd über die Tasten huscht oder die Mouse bevormundet. Die rechte hingegen kompensiert die aufsteigende Nervosität mit dem spielischen Malträtieren meiner unlängst zerrissenen Kette.

Während ich mir überlegte, dass ich diesen Blog für eine recht lange Zeit nicht mit den blogtypischen Banalitäten abstrafte. Und den geneigten Lesen mit spannenden Eposoden meines achso spannenden Alltages langweilte.

Doch was gibt es zu erzählen? Was blieb momentan noch als solide Substanz meines Alltages übrig? Im Grunde einzig und allein der Sport. Fast schon ironisch, wenn man bedenkt, dass ich während der gesamten Schulzeit ein Kandidat für die Gnadenvier gewesen war. Weil ich blöd genug gewesen bin, mich beim Geräteturnen vor mir selbst und beim Bodenturnen vor allen anderen lächerlich zu machen. Weil ich beim 1000-Meter-Lauf im gehen schneller gewesen wäre, als wenn ich den Laufschritt einlegte. Und weil ich beim Mannschaftsport immer vom Lehrer strategisch zu dem stärkeren Team kommandiert worden war. Ich hasste den Schulsport und der Schulsport hasste mich. So maß ich die Freuden der Wochen nicht in ihren Wochenenden, sondern in dem größten Abstand zwischen mir und der nächsten Sportstunde.
Mit anderen Worten, ich war zur Unsportlichkeit und einem daraus resultierenden Selbstbewusstsein verdammt und stelle nun fest, dass dieses noch das einzige ist, was mir Halt gibt. Auch wenn hierbei die Unlust gelegentlich schon die Begeisterung boykottiert und die Jahre des Umbruches einste Erfolgte tilgten. So war es aber damals das, was mir jeglichen Halt nahm.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr wird mir klar, dass der Gang zum Studio der einzige Grund ist überhaupt zu duschen und über das Gebiss zu schruppen. Ansonsten interessiert es ohnehin keinen. Wen auch. Gehe ich aus dem Haus, so schweige ich die meiste Zeit. Und da man ohnehin nicht am üppigen Konsumverhalten oder gesellschaftlichen Amüsierleben teilnimmt, hält sich der Ausgang mit der dazugehörigen verbale Kommunikation stark in Grenzen.
Abgesehen vom unregelmäßigen Besuch der Freundin, der einen zum Griff nach dem Rasierer animiert, aber mehr Ereignisse treffen nicht ein. Nicht dass ich ohne diese Angelpunkte zum Schrat und zur Stinkbombe werden würde. Aber dennoch würden einige Aspekte der Gleichgültigkeit zum Opfer fallen. Wie eben der tägliche Enthaarungsakt. Denn wozu? Wozu? Wer immer jetzt die Nase rümpft, der streiche all die Situationen, die ihn zum Umgang mit Menschen und dahingehenden Maßnahmen nötigen. Arbeit. Unternehmungen in der Freizeit. Das war es schon. Streicht man das Erste, so geht auch das Zweite unter.

Doch der Sport wurde zu meiner Lebensversicherung und diese löst man nicht so ohne weiteres auf. Vor allem, wenn man nur bei dessen Weiterführung tägliche Auszahlungen erwarten kann. Somit legte ich vor gut sechs Monaten meine Intentionen zum reinen Kraftsport nieder und hegte den Willen, auch etwas in die Richtung des Bodybuildings zu gehen. Wenn auch mit festgesetzten Grenzen. Denn irgendwann herumzulaufen wie ein schwerfälliger und albern aufgeplusterter Testosteronwindbeutel im Steroidekoller ist jenseits meines Gefühl für Ästhetik. Sofern ich den Begriff Ästhetik hinsichtlich meiner Person überhaupt in Anspruch nehmen darf. Denn Haut merkt sich seinen einsten Fettanteil nur allzu gut.
Dennoch könnte man seinen Körper einwenig ausreizen. Das Ventil zur Sedierung vergrößern. Und so fing ich an Buch zu führen. Nach eben jenem Gedanken zur Gewichtserhöhung und dem Ende meiner veganen Zeit. Nicht weil ich denke, dass man als Veganer keine Muskulatur aufbauen kann. Sondern weil man als Veganer über ein gewisses Grundkapital verfügen muss. Vor allem wenn man trainiert. Und ich habe schon einmal Mangelwirtschaft erlebt. Somit wurde wieder auf Vegetarismus umgesattelt und Buch geführt. Gewichte, Sätze, Tage und Steigerung.

Und so geschah es, dass ich nun etwas in dieser Buchhaltung blätterte und wohlwollend feststellte, dass sich ab dem 10ten Monat des letzten Jahres das Gegengewicht um 2-15kg gesteigert hatte. Je nach Muskelgruppe natürlich. Bankdrücken beispielsweise von 75 auf 90 kilo, Bauch von 65 auf 72,5 oder eben der Prollmuskel schlechthin, der Bizeps von 25 auf 35. Innerhalb eines halben Jahres…glücklich der, der diese Steigung aufrechterhalten kann.

Wer dahingehend gute Ernährungstipps hat, der möge sprechen. Da es mir diesbezüglich noch an Wissen fehlt. Oder anders gesagt, die wertvollen Kalorien dümpeln in der Unterversorgung, während der Billigzucker ganz oben mitspielt. Nicht gerade der Traum eines jeden Ernährungsberaters, aber wer will schon ewig leben. Und wenn schon nicht Raucherlunge oder Fettleber am Ende der Konsumkarriere lauern, dann doch zumindest Diabetes, auf das man sich für später freuen kann. Doch wie dem auch sein, ich wäre nicht abgeneigt, wenn ich diesen Grad an Steigerung auch im nächsten halben Jahr erreichen würde.

In diesem Sinne:

Sport: ein vernünftiger Versuch des modernen Zivilisationsmenschen, sich Strapazen künstlich zu verschaffen. -Peter Bamm

4 Gedanken zu „Sport frei

  1. Zählt Tastensport nicht auch als Befreiungsschlag vom selbstempfundenen Endzeitszenario, was du am Anfang des Artikels so düster aufmalst?

    Und an Tastenerfolgen sparst du ja auch nicht. Es dauert nur alles immer seine Zeit. Mit den Gewichtszahlen kann ich nix anfangen und diese daher nicht einschätzen. Aber es klingt gut und viel und schweeeer ;o)!!

    Ich kann nur sagen, dass auch ich nie unbedingt ein “Sportmaxe” war und mit 26, als mir ein Arzt zum 4. Mal sagte, ich solle Schwimmen oder sonst einen Sport machen gegen meine Rückenschmerzen, da hab ich dann endlich mit Inline Skating angefangen (was genial ist für den Rücken, wirklich!), dann Joggen für die Kondition und den Fettabbau entdeckt und neuerdings noch Yoga, was wesentlich anstrengender ist als ich jemals gedacht hätte 8weil man nämlich auch da Kraft aufbauen muss). Ich bin immer noch kein enthusiastischer Vollblutsportler, aber die Einsicht und “das Gefühl danach” und ja, auch ein besseres Selbstwertgefühl treiben mich dazu 2-3x die Woche mich dahingehend zu fordern. Außerdem muss man dann nicht unbedingt Kalorien zählen, was ich sehr schätze.

    Ernährungstipps hab ich leider keine, aber ich hab mal gehört, dass tierische Innereien….nun ja hehe **lach**

    Hab auch einen Sport-Spruch, dem ich natürlich nicht unbedingt zustimme – aber lustig:
    Sport: eine Methode, Krankheiten durch Unfälle zu ersetzen. (anonym)

  2. […]Zählt Tastensport nicht auch als Befreiungsschlag vom selbstempfundenen Endzeitszenario[…]

    Wenn dem so ist, dass wurde das wohl in meinem Genpool übersehen. Aber ich glaube, dann würde ich nur noch am tippen sein. Vielleicht wäre das einmal gar nicht so verkehrt…

    […]Mit den Gewichtszahlen kann ich nix anfangen und diese daher nicht einschätzen.[…]

    Im Grunde sind die Werte guter Standard für den Hausgebrauch. Es ist völlig ausreichend um sich fit zu fühlen und erspart der Freundin die wehmütigen Erinnerung an die Schmachtkerle in den Modemagazinen, während sie seufzend auf die Achselhaare ihres schlaksigen Männleins blickt. Um einmal der Oberflächlichkeit die Wortführung zu übergeben.

    Zwar jogge ich auch, aber wirklich weiterempfehlen würde ich das nicht. Natürlich ist das für die Kondition nicht verkehrt. Um Längen effektiver ist hingegen schwimmen oder der Crosstrainer. Denn Joggen fordert die Gelenke auf unschöne Weise.
    Zudem kennt der Fettabbau bei Joggen seine Grenzen. Denn nach meiner Erfahrung, und der von anderen Mädels, muss man für den Effekt übergewichtig sein. Alles im Grenzwert zum Normalgewicht kann durch joggen nicht verbrannt werden. Außer man rennt jeden Tag einen Marathon. Und bei dir frage ich mich eh gerade wie ich »Fettabbau« zu verstehen habe. Am Ohrläppchen oder was.

    Yoga ist Balsam. Eine Zeitlang hatte ich mein tägliches Programm. Doch momentan ist es mir aus Platzgründen nicht mehr möglich. Anfangs lästerte ich auch über so manche Stellungen. Bis ich dann bei den Asanas selbst in Zittern kam. Dahingehend ist Yoga auch der perfekte Ausgleich zum Kraftsport. Denn man beansprucht die Muskulatur durch Dehnung und nicht durch Kontraktion.
    Wenn ich könnte wie ich wollte, so hätte ich längst eine Yoga-Matte und ein Rudergerät in den Räumen liegen.

    Das Gefühl danach…dieser kurze Moment, der wie eine Droge schon nach dem nächsten Mal giert und einen antreibt. Der Mensch ist für Bewegung geschaffen. Jedes Jagdtier braucht Bewegung, sonst geht es ein. Gerade in der heutigen Zeit. Und man braucht sich nicht einzubilden, dass die paar Jahre Evolution die Instinkte besiegten.
    Gerade den der Flucht und des Angriffes. Egal wie groß der Stress ist, man darf nicht angreifen. Flüchten kann man aber ebenso wenig. Ergo, man knallt auf längere Zeit durch. Durch exzessiven Sport kann man für den Körper und den Geist das Fluchtverhalten aufrechterhalten und ausleben. Von daher kommt die Ventilfunktion von Sport nicht von ungefähr. Zumindest denke ich mir das mal so.

    […]aber ich hab mal gehört, dass tierische Innereien….[…]

    Derartiges fand ich zu meinen Tagen als leidenschaftlicher Fleischfresser schon widerlich. Rohes, Innereien oder dieses Abgelutsche von Knochen war mir schon immer zu wieder.
    Doch in Lektüre wie Foren las ich nie derartiges. Allerdings belästigen die einen immer mit ihren Standard-Phrasen. Und zumeist sind diese auf Allesfresserei geeicht.

    Dann bleibe ich lieber bei Eiern von glücklichen Hühnern mit Namen und Magerquark von…nicht ganz so glücklichen Kühen.

  3. Um Längen effektiver ist hingegen schwimmen oder der Crosstrainer. Denn Joggen fordert die Gelenke auf unschöne Weise.
    Zudem kennt der Fettabbau bei Joggen seine Grenzen. Denn nach meiner Erfahrung, und der von anderen Mädels, muss man für den Effekt übergewichtig sein. Alles im Grenzwert zum Normalgewicht kann durch joggen nicht verbrannt werden.

    Joggen auf Waldboden ist – sofern man keine ‘vorgeschädigten’ Gelenke hat – kein Problem. Klar, Schwimmen ist gelenkschonender – wohl wahr. Auch Inline Skaten ist besser. Aber für beides muss eine gewisse Form von ‘Infrastruktur’ vorhanden sein. Schwimmhallen hier im Westen: vergiss es! Du kennst das ja. Es gibt kaum welche und wenn dann haben die zu Zeiten offen wo ich arbeite und wenn ich dann ins Schwimmbad gehe abends erschlagen und ertränken sich die Menschen beinahe gegenseitig, so voll ist das dort. Und wenn dann ncoh jeder seinen persönlichen 50-Bahnen-Marathon in einer 25m Halle durchzieht…nee, danke! Hab ich probiert, bin geheilt.
    Crosstrainer?? Da brauch ich ja auch ein Gerät.
    Am Laufen schätze ich einfach, dass man nix zu braucht, es ‘überall tun kann’ und dass es einem wirklich richtig gut tut.

    Hach, ich hab auch so meine Fettpölsterchen, die ich gut zu verstecken weiß (meist). Aber wenn ich das so lese, dass alles unter Normalgewicht schwierig ist, dann wird mir so einiges klar. Aber immerhin hilft Laufen gut bei der Straffung und es macht glücklich.

    Wie Yoga. Cool, dass Du das auch schon gemacht hast, hätte ich jetzt so nicht erwartet. Aber warum auch nicht? …ist Balsam ist mal wieder schön gesagt. Es tut sehr gut, fordert aber trotzdem noch genügend, so dass ich manchmal sogar mehr schwitze als beim Joggen.

    Ja, Bewegung muss sein. Man muss wenigstens wegrennen können.

    Mit den tierischen Innereien wollte ich dich nur ein bisschen pieksen, weiß ich doch, dass Du Dir das nicht vorstellen kannst zu essen. Aber die Indianer haben ja auch immer rohe Innereien gegessen und deren körperliche Fitness ist ja durchaus nicht zu verachten. Aber heute ist eh nichts mehr wie es war. Wir wissen gar nicht was wir alles schlimmes essen und werden durch den ganzen Kram immer kränker. Krebs ist die Pest der heutigen Zivilisation. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema, was hier ja gar nix zu suchen hat…

    Jedenfalls schön eine dunkle Seele zu treffen, die auch Sport macht, denn ich hab festgestellt: sooooo viele gibt es davon nicht. Erstaunlicherweise. Woran liegts? Ich wollte darüber auch schon mal einen Artikel schreiben, mal sehen.

  4. […]Crosstrainer?? Da brauch ich ja auch ein Gerät.[…]

    Womit wir wieder beim Problem des Platzes wären.

    Mit Schwimmhallen kenne ich mich nicht aus. In derartige Anstalten die mehr Wasser als soliden Boden besitzen, bekommt man mich grundsätzlich nicht. Abgesehen von Teichen, an denen man auch so unbeteiligt herumliegen kann. Doch alles, was mit gewissem Badehosenzwang zutun hat: keine Chance. Auch wenn schwimmen für mich einmal ganz gut wäre.

    […]denn ich hab festgestellt: sooooo viele gibt es davon nicht. Erstaunlicherweise. Woran liegts?[…]

    Wahrscheinlich existiert hier einfach nur eine andere Art von Körperbewusstsein. Sport oder speziell Kraftsport scheint wohl zu brachial für die zartbesaitete romantische Gothseele zu sein. Man ziert sich mehr mit Stoffen, Tattoos, Frisuren oder seinem erlauchten Wesen, anstatt mit plumper proletarischer Muskelmasse.
    Zudem ist das auch eine Egosache. Wer mit sich selbst im Einklang ist, der geht nicht zu solchem Training. Gerade Bodybuilding hat fast immer etwas mit Kompensieren zu tun, dem Überspielen irgendeines Komplexes, der am Selbstwertgefühl nagt. Und Goths können schon auf vielerlei andere Arten kompensieren.

    So zumindest denke ich mir das.
    Wobei gerade diese Kombination recht reizvoll wäre. Zu Cybern würde das auch gut passen, zu EBMern –wobei dort ohnehin die meisten Berserker zu finden sind- aber egal. Mir soll´s Recht sein. So hebt man sich immerhin gut ab. Auch wenn ich noch keinen auf Berserker und es ohnehin nur für mich persönlich mache. Doch wer weiß was die Zeit noch so bringen wird.

    Ich habe jedenfalls mein personifiziertes Ideal im Kopf und hoffe dieses zu erreichen.

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