Wozu…

Photobucketiderfährt es den anderen ähnlich. Man sitzt vor dem leeren Bildschirm. Die Finger schweben über den Tasten. In angewinkelter Spannung über dem nächsten Wort. Doch dieser Haltung folgt nichts dergleichen. Die Blutgefäße, die im Monitorlicht ihre Schatten auf die Haut legen, pumpen zwar Bewegung in die Muskulatur und lassen Geist wie Fleisch in freudiger Erwartung beben, doch nichts geschied.
Die Motivation flammt kurz auf, dann erlischt sie wieder. Der Wille zuckt. Doch ein Zucken trägt keine Konstante in sich. Vollführt keinen Tanz der Finger und Lauf der Worte. Ein Zucken bricht nur beständig zusammen. Lässt die Hände ermatten, sich falten und tatenlos das Gesicht stützen.
Ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen, der durch das Verstreichen der Zeit als einziges noch den Raum erleuchtet. Schlecht für die Augen. Schlecht für den Tatendrang, der hinter diesen Augen jenem Elend beiwohnt. Verzweifelt an den Synapsen rüttelt. Sich aus der Gefangenschaft des Geistes befreien will. Um einen selbst aus der Apathie zu retten. Aber der Tatendrang kann nichts weiter als heißer zu schreien. Er kann nicht auf einen zustürmen und einen packen. Da die schärfe eines Wortes seine Achillesferse durchtrennte. Kann einen nicht wachrütteln, da ein Argument seine Hände zertrümmerte. Das Wort war »Wozu« Das Argument nannte sich »Und wenn schon«
Der Bildschirm wird fleckig. Wird durchzogen von dem Flimmern heißer Luft. Erneut einundzwanzig Stunden davor gesessen. Die Stunden lassen die Glieder unruhig werden, lassen die Augen in Überreizung brennen. Man schließt sie, vergräbt das Gesicht in die Hände. Und beginnt in deren abgeschotteten Dunkelheit weiterzudenken. Man denkt immer. Jederzeit. Wäre man ausgeruht, so würde man im Klaren denken, so denkt man aber in Gelee. Man ist des Denkens müde, aber dazu verdammt, nicht in abgeschlossenen Antworten, sondern in ewigen Fragen zu denken. Immer weiter denken. Immer: Wozu

Wozu im Leben. Lenke ich das Leben durch mein Handeln, wenn des Lebens Lauf doch weiterhin über meinen Kopf entschieden wird. Egal ob Tun oder Unterlassen. Ich beeinflusse allein meinen Standpunkt, aber nicht den Raum in dem ich stehe. Ich hielt mich für einen Protagonisten und fand mich doch nur als Statist wieder.
Aber was stolziert man mit der Ignoranz des Lebens die Wege entlang. Wettert darüber, wie der geistig Verwirrte über sein imaginäres Feindbild. Das nicht von der Seite weicht, weil es nie vorhanden war. Man selbst ist sein Leben. Man selbst spottet sich einen altern Narren. Legt sich die Fesseln an und wartet. Wartet auf das, was geschehen soll, aber nicht geschehen kann, da man es nicht geschehen macht. Man wartet und wartet, starrt auf das Schattenspiel an der Wand, dass all jene aufzeigt, die in dem Lichte baden, das einem verwehrt bleibt.
Weil man diesem Licht persönlich den Rücken zukehrte. Weil man einst glaubte, damit seinen Weg hell erleuchtet zu sehen. Seine Richtung zu finden und sich selbst im Fluss der Taten widerspiegeln zu können. Silbern glitzernd als strahlende Reflexion. Stattdessen wurde man geblendet. Gebremst und die Sonne entpuppte sich als heimtückisches Hindernis.

Die geschlossenen Augen malen Spektralfarben an die Innenwand der Lider. Die Übermüdung lässt den Körper frieren. Das Denken aber wird nicht müde, frisst nur die letzte Wärme auf. Das Denken straft sogar im Schlaf. Doch die Gedanken werden allmählich zu Brei. Verlieren ihre Struktur und ernten nur noch das Wissen, dass man es einen weiteren Tag nicht vermochte, sich einfach nur umzudrehen. Sich erneut zum Lichte zu wenden. Weil Erinnerung und Erfahrung nicht das Maß der Dinge sind. Weil diese Dinger keinen Aufschluss auf das Jetzt und Später geben können. Aber als Schlüsselmeister die Schellen der Fesseln unter Verschluss halten. Sie gleichzeitig zum Zuchtmeister des Bewusstseins ernannt werden. Zum Irreschließer des Tatendrangen. Die bei dessen Regung die schweren Eisenriegel von der Tür schieben und es auslachen. Verhöhnen und drohen, wenn der Tatendrang aus der Rolle fällt. Aufbegehrt und nach Besserung schreit. Sowie auf den Retter wartet.
Ein Retter wird nicht kommen. Wird niemals kommen, da das Leben zwar Märchen schreibt, aber keine Märchen reflektiert. Retter müssen gesendet werden, animiert von anderen Rettern oder angestachelt vom Volk. Diese jedoch schweigen. Weil es nichts zusagen gibt. Nur ich allein kann meinen Retter schicken. Nur ich allein kann mein Wesen niederbrennen und den Phönix als Fluchttier sich erheben lassen. Aber auch ich schweige. Ich sitze auf meinem Thron. Der Glanz blättert heute besonders schön. Zähle die Zeit, notiere die Verschwendung und schlürfe die Sedierung im Weinglas. Brenne den Zucker aus Süßholz in den Absinth der Apathie. Das mir untertänig nachgefüllt wird. Eine nette Geste des Wozu, das vor allem immer dann zur Stelle war, wenn ich einmal das Volk zu Streben brauchte. Es bat, dem Selbstbeweis einen Sinn zu geben. Diesen nicht zum Sturm im Wasserglas werden zu lassen, auch nicht zur Lawine. Sondern diesen einfach nur wahrzunehmen. Dieses jedoch schwieg. Blickte nicht einmal hindurch, sondern erfasste willentlich maximales Nichts. Da gab mir das Wozu Trost, gab mir Resonanz. Und schenkte Nutzen. Ein alter Freund. Mein alter Feind. Mein verdammtes Selbst. Der Schlaf des Nichtsnutz erblüht in seiner Dekadenz. Was schläfst du, der du nicht geschaffen hast. Und erstickst die so eben aufklimmende Hoffung des Tatendrangs. Auf ein Neues.

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